Märchen wollen Probleme lösen und Lebensfehler vermeiden helfen. Wer an sich selbst arbeiten will und nichts anderes tut, als jeden Abend in Ruhe und mit Genuss ein Märchen zu lesen hat schon sehr viel für sich selbst getan.

Märchen

Warum findest du auf einer HP, wo es um Selbstoptimierung, Persönlichkeitsentwicklung und Bewusstsein geht, Märchen? Ganz einfach: Wer nichts anderes tut, als jeden Abend mit Genuss ein Märchen zu lesen oder anzuhören, der hat schon sehr viel für sich selbst getan. Warum?

Warum eignen sich diese Märchen zur Selbstoptimierung?

Dahinter steckt folgender Gedanke: So wie sich jede Pflanze zum Licht neigt, so gibt es auch im Menschen die natürliche Tendenz zum Licht. Was ich hier mit Licht meine ist die Wahrheit. Und zwar das, was jeder Mensch unbewusst in sich selbst als wahr empfindet; was ihm eine klare Richtschnur für sein Handeln geben könnte, wenn er in sein Unbewusstes blicken könnte. Und das was da unbewusst in uns schlummert ist eng verknüpft mit dem Leben, dem Lebendigen. Das heißt, desto besser ein Mensch in der Lage ist, das was wahr ist, in sich selbst zu ergründen, desto lebendiger und vitaler wird er sich fühlen.
Große Märchen haben viel mit dieser Wahrheit zu tun.

Märchen bilden das ab, was der Mensch in Wahrheit ist

Sie wollen uns auf diese Wahrheit, auf das, was der Mensch ist, aufmerksam machen. Wenn wir Märchen hören, dann blitzt in uns eine Ahnung von dieser Wahrheit auf. Wir fühlen, dass das, was wir da hören, richtig ist. Und diese Ahnung lässt so ein wenig von dem hindurch, wo wir gar nicht genug von bekommen können, nämlich dem Leben, dem Lebendigen. Davon wollen wir mehr haben. Darum bleiben Märchen über Generationen lebendig, und wir können sie immer wieder hören. Kurz gesagt, Märchen haben das Zeug dazu, uns mit der Wahrheit in uns selbst zu verbinden. Diese Wahrheit ist auch das Licht und das Leben und ist gut. Auf diese Weise sind Märchen geeignet, uns Orientierung zu geben. Sie geben uns keinen Rat, sondern sie schaffen es, uns auf den Wegweiser in uns selbst aufmerksam zu machen, so dass wir in Lebensfragen einen besseren Durchblick bekommen, sicherer entscheiden können, was gut für uns ist und was nicht, und besser Lösungen für manche Probleme erkennen.

Sind Märcheninterpretationen hilfreich?

Eigentlich ist es nicht notwendig, Märchen zu interpretieren. Sie wirken, auch wenn man sie nicht versteht. Ich habe mich dennoch an die Arbeit gemacht und mögliche Bedeutungen entschlüsselt. Hauptsächlich, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die in ihnen stecken und um diejenigen, die genau das Thema in ihrem Leben zu bewältigen haben, aufmerksam zu machen, damit sie innehalten und sich eingehender mit dem Märchen und der Lösung, die es vorschlägt, auseinanderzusetzen.

Märchen und ihre Bedeutung

Manche Erfahrungen muss jeder selber machen, das ist eine Binsenweisheit. Darum landet wohl jeder mal in einer schwierigen Lebenssituation, in der er denkt: “Hätte ich doch…” oder “wie komme ich aus dieser Lage wieder heraus?” Diese Wegweiser gibt es. Viele Menschen vor uns sind den Weg auch schon gegangen. Ein enormes Wissen an Lebensweisheiten war früher im Volkstum verankert. Meist haben die Mütter ihr Wissen an ihre Kinder weitergegeben. Damit es für die Kleineren nicht zu langweilig wurde, verpackt in mysteriöse Geschichten, die wir heute Märchen nennen. Darin steckt unglaublich viel Weisheit, was auch heute und zwar gerade heute eine immense Relevanz hat.

Für so manche Probleme, bei denen kein Arzt, kein Psychologe und kein Priester helfen kann, bieten Märchen eine Lösung. Wer an sich selbst arbeiten will und nichts anderes tut als jeden Abend in Ruhe und mit Genuss ein Märchen zu lesen hat schon sehr viel für sich selbst getan.

Aschenputtel

Einem reichen Manne dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte daß ihr Ende heran kam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach „liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herab blicken, und will um dich sein.” Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.
Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. „Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!” sprachen sie, „wer Brot essen will, muß es verdienen: hinaus mit der Küchenmagd.” Sie nahmen ihm seine schönen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an, und gaben ihm hölzerne Schuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!” riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da mußte es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehn, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß es sitzen und sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.
Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter was er ihnen mitbringen sollte? „Schöne Kleider” sagte die eine, „Perlen und Edelsteine” die zweite. „Aber du, Aschenputtel,” sprach er, „was willst du haben?” „Vater, das erste Reis, das euch auf eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab.” Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber, und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab was es sich gewünscht hatte.
Es begab sich aber, daß der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei Stiefschwestern als sie hörten daß sie auch dabei erscheinen sollten, waren guter Dinge, riefen Aschenputtel, und sprachen „kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloß.” Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil es auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die Stiefmutter sie möchte es ihm erlauben. „Du Aschenputtel,” sprach sie, „bist voll Staub und Schmutz und willst zur Hochzeit? du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen!” Als es aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich „da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen.” Das Mädchen ging durch die Hintertüre nach dem Garten und rief „ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

      die guten ins Töpfchen,
      die schlechten ins Kröpfchen.”

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein, und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein, und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik, und da fingen die übrigen auch an pik, pik, pik, pik, und lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte es dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach „nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider, und kannst nicht tanzen: du wirst nur ausgelacht.” Als es nun weinte, sprach sie „wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen,” und dachte „das kann es ja nimmermehr.” Als sie die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertüre nach dem Garten und rief „ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

      die guten ins Töpfchen,
      die schlechten ins Kröpfchen.”

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein, und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik, und da fingen die übrigen auch an pik, pik, pik, pik, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus. Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach „es hilft dir alles nichts: du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen, wir müßten uns deiner schämen.” Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.
Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu seiner Mutter Grab unter den Haselbaum und rief

      „Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
      wirf Gold und Silber über mich.”

Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter, und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur Hochzeit. Seine Schwestern aber und die Stiefmutter kannten es nicht, und meinten es müßte eine fremde Königstochter sein, so schön sah es in dem goldenen Kleide aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten es säße daheim im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihm entgegen, nahm es bei der Hand und tanzte mit ihm. Er wollte auch mit sonst niemand tanzen, also daß er ihm die Hand nicht los ließ, und wenn ein anderer kam, es aufzufordern, sprach er „das ist meine Tänzerin.”
Es tanzte bis es Abend war, da wollte es nach Haus gehen. Der Königssohn aber sprach „ich gehe mit und begleite dich,‘ denn er wollte sehen wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn bis der Vater kam und sagte ihm das fremde Mädchen wär in das Taubenhaus gesprungen. Der Alte dachte „sollte es Aschenputtel sein,” und sie mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzwei schlagen konnte: aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herab gesprungen, und war zu dem Haselbäumchen gelaufen: da hatte es die schönen Kleider abgezogen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und dann hatte es sich in seinem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.
Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach

      „Bäumchen, rüttel dich und schüttet dich,
      wirf Gold und Silber über mich.”

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab, als am vorigen Tag. Und als es mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über seine Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet bis es kam, nahm es gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die andern kamen und es aufforderten, sprach er „das ist meine Tänzerin.” Als es nun Abend war, wollte es fort, und der Königssohn ging ihm nach und wollte sehen in welches Haus es ging: aber es sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner großer Baum an dem die herrlichsten Birnen hingen, es kletterte so behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wußte nicht wo es hingekommen war. Er wartete aber bis der Vater kam und sprach zu ihm „das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube es ist auf den Birnbaum gesprungen.” Der Vater dachte „sollte es Aschenputtel sein,” ließ sich die Art holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn es war auf der andern Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider wieder gebracht und sein graues Kittelchen angezogen.
Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen

      „Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
      wirf Gold und Silber über mich.”

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er „das ist meine Tänzerin.”
Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte es begleiten, aber es entsprang ihm so geschwind daß er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht, und hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen: da war, als es hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängen geblieben. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz golden. Am, nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann, und sagte zu ihm „keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh paßt.” Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein, da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach „hau die Zehe ab: wann du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.” Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd, und ritt mit ihr fort. Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen, und riefen

      „rucke di guck, rucke di guck,
      Blut ist im Schuck (Schuh):
      Der Schuck ist zu klein,
      die rechte Braut sitzt noch daheim.”

Da blickte er auf ihren Fuß und sah wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Haus und sagte das wäre nicht die rechte, die andere Schwester sollte den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach „hau ein Stück von der Ferse ab: wann du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.” Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen

      „rucke di guck, rucke di guck,
      Blut ist im Schuck:
      der Schuck ist zu klein,
      die rechte Braut sitzt noch daheim.”

Er blickte nieder auf ihren Fuß, und sah wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd, und brachte die falsche Braut wieder nach Haus. „Das ist auch nicht die rechte,” sprach er, „habt ihr keine andere Tochter?” „Nein,” sagte der Mann, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein.” Der Königssohn sprach er sollt es heraufschicken, die Mutter aber antwortete „ach nein, das ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen.” Er wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch es sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief „das ist die rechte Braut!” Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger: er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbei kamen, riefen die zwei weißen Täubchen

      „rucke di guck, rucke di guck,
      kein Blut im Schuck:
      der Schuck ist nicht zu klein,
      die rechte Braut die führt er heim.”

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herab geflogen und setzten sich dem Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.
Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und Teil an seinem Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach als sie heraus gingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten: da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.

Das Märchen Aschenputtel hilft insbesondere Mädchen und Frauen, die in ihrer Entwicklung eine ungenügende Unterstützung von ihrer Mutter erfahren haben oder deren Mutter zu früh gestorben ist.

Welche Hilfe bietet Aschenputtel?

Aschenputtel hilft den fehlenden Einfluss einer Mutter in der Entwicklung eines Mädchens zu kompensieren.

Der Einfluss einer Mutter fördert normalerweise die Fähigkeit eines Kindes, sich gegenüber anderen zu behaupten. Wenn der mütterliche Einfluss fehlt, so ist es für ein Kind und dem späteren Erwachsenen schwer, sich zur Wehr zu setzen und auch einmal nein zu sagen. Ihm fehlt die nötige seelische Stärke, so dass es leicht zum Aschenputtel wird.

Das Märchen kann dabei helfen, die versäumte Entwicklung zu einer inneren Stärke nachzuholen. Der Weg dorthin, so teilt uns das Märchen mit, führt über das Gebet, die eigene Verpflichtung gut zu sein und konsequent zu handeln. Dadurch wird inneres Wachstum angeregt, das der Frau eine harte Schale gibt, die sie befähigt, ihre Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen.

Welche Kernaussage möchte uns das Märchen mitteilen?

Aschenputtel berichtet von einer weiblichen Anlage, der natürlichen Fähigkeit jeder Frau, neues Leben entstehen zu lassen. Eine Fähigkeit, die bei den meisten Frauen heute brach liegt. Damit ist nicht nur das Kindergebären gemeint. Auch auf der psychischen Ebene ist eine Frau mit der Fähigkeit ausgestattet, etwas völlig Neues, eine neue Welt entstehen zu lassen und damit Schwierigkeiten zu überwinden. So wie für Aschenputtel, als sie zur Prinzessin wird und damit für sie ein völlig neues Leben beginnt. Wenn wir uns diese Tragweite einmal klar machen, sind schwere Zeiten kein Grund mehr, daran zu verzweifeln, sondern es gibt einen Ausweg, und es gehört zu unserer Anlage, diesen Ausweg zu schaffen. Das Märchen erzählt, wie ein solcher Prozess geschieht, und was dafür zu tun ist.

Aschenputtel wird häufig als das Beispiel schlechthin für eine nicht emanzipierte Frau hingestellt: Sie ist abhängig, muss dienen und niedere Arbeiten tun. Nun hat sich zwar die Emanzipation dafür eingesetzt, dass keine Frau mehr Aschenputtel sein muss, doch was uns das Märchen sagen will, ist keineswegs unmodern. Vielmehr zielt es auf eine Realität unserer Existenz, die von der Emanzipation unberührt bleibt. Viele Frauen befinden sich in einer Lebenssituation, in der sie sich arm, minderwertig, als ein Nichts, eben wie Aschenputtel fühlen. Solche Gefühlstiefen können jede Frau treffen, egal wie emanzipiert sie ist. Das Märchen bietet uns Hilfe an und rät, was zu tun ist, um sich daraus zu befreien.

Die Geschichte beginnt traurig: Die Mutter von Aschenputtel stirbt, nachdem sie ihr die Botschaft mit auf den Weg gegeben hat:

„Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein.”

Zunächst glauben wir, dass vom lieben Gott so gar nichts zu spüren ist, denn das Schicksal schlägt für Aschenputtel hart zu: Eine böse Stiefmutter und ihre grässlichen Töchter demütigen und verhöhnen Aschenputtel. Sie wird in einfache Kittel gekleidet und muss als Dienstmagd dienen. Dies ist der Ausgangspunkt der Geschichte und darin ist eine wichtige Information verborgen. Sie teilt uns die seelische Verfassung eines Kindes mit, das zu wenig mütterliche Nähe erfährt, sei es, dass die Mutter tatsächlich nicht anwesend ist oder sei es, dass die Mutter den spezifisch mütterlichen Einfluss nicht aufbringen kann. Die Auswirkungen können bis weit ins Erwachsenenleben hineinreichen und äußern sich bei einer erwachsenen Frau in einem Empfinden, wie es das Bild von Aschenputtel erahnen lässt; nämlich arm und schutzlos zu sein, von niemandem geliebt zu werden, nicht die Kraft zu haben, für sich selbst einzutreten und im Leben einen Platz in der Asche zugewiesen zu bekommen.

Ein Vater kann an diesem kläglichen Grundempfinden nichts ändern, so teilt uns das Märchen mit. Er kann den fehlenden mütterlichen Einfluss für die Entwicklung seines Kindes nicht kompensieren, im Märchen dadurch ausgedrückt, dass der Vater nichts tut, um Aschenputtel beizustehen.

Das Märchen sagt uns nun, wie es jeder Frau gelingen kann, ihre Situation von Grund auf zu verändern. Es sagt, was zu tun ist, um gewaltige Kräfte zu mobilisieren, mit denen sie sich aus ihrer deprimierenden Lage befreien kann, um danach stabil und selbstbewusst ihren Platz im Leben einzunehmen; ausgestattet mit der nötigen Kraft und Härte, sich auch gegenüber bösen Anfeindungen zu behaupten. Es gibt uns eine Anleitung, wie jede Frau, die sich als Aschenputtel fühlt, zu einer strahlenden Prinzessin werden kann.

Zurück zum Ausgangspunkt unserer Geschichte. Aschenputtel so scheint es, lässt willenlos die bösen Machenschaften ihrer Stiefschwestern mit sich geschehen. Beim Lesen möchte man ihr am liebsten zurufen, „Warum lässt du dir das gefallen? Warum lässt du dich so demütigen? Setz dich zur Wehr, biete den grässlichen Stiefschwestern die Stirn!“ Doch genau das kann Aschenputtel noch nicht. Ihr fehlt das nötige Selbstvertrauen, das erst unter dem schützenden Einfluss einer Mutter wachsen kann. So hat sie keine andere Chance, als sich passiv zu fügen. Ihr einziger Zufluchtsort ist das Grab der Mutter, das sie dreimal am Tag aufsucht, dort weint und betet.

Frauen, die an einem solchen Tiefpunkt des Lebens angelangt sind rät das Märchen, nicht verzweifelt gegen die Situation anzukämpfen, denn sie könnten eh nichts ausrichten. Vielmehr sollten sie einfach tun, was ihnen aufgetragen wird, auch wenn es schwer fällt; ganz so, wie Aschenputtel seine Aufgaben übernimmt. Aber, was immer uns aufgetragen wird, sollten wir erledigen, ohne unsere Würde zu verlieren. Aschenputtel verhält sich trotz ihres traurigen Loses als das, was sie von Natur aus immer war und sein wird, als Prinzessin. Genau das gefällt den bösen Schwestern natürlich gar nicht und sie verhöhnen sie. Es ist sogar zu vermuten, dass sie in Aschenputtel einen feineren, edleren und vor allem besseren Charakter gespürt haben. Damals wie heute ein ausreichender Grund, einen Menschen nieder zu machen. Heute nennen wir dies Mobbing. Wenn jemand aufgrund seiner Gesinnung höher steht als die Masse, jedoch keine Macht über sie hat, wird er von ihr verspottet. So ging es Aschenputtel. In einem solchen Fall gibt das Märchen einen klaren Rat:

Man sollte sich gerade nicht auf die Stufe der anderen stellen und anfangen zu zanken. Vielmehr sollte man und nun kommt ein unpopuläres Wort, demütig den Platz annehmen, der einem zugewiesen wird und auf die Hilfe Gottes vertrauen. Demütig sollte man das Unvermeidliche hinnehmen aber, und darauf kommt es an, sich nicht unterkriegen lassen, seinen Stolz, seine Gesinnung und seine Klasse bewahren ganz gleich wie erniedrigend die Ecke auch sein mag, in die einen das Schicksal hinein drängt. Ganz gleich auch, wie viel Zeit verstreichen muss, ehe eine Erleichterung in Sicht ist.

So traurig diese Situation auf der einen Seite ist, so steckt in ihr auch eine Chance, denn sie kann auf der anderen Seite der Vorbote, der Keim für eine Zukunft sein, die so wünschenswert ist, wie die Gegenwart unerträglich ist.

Nur in einer dunklen Zeit kann etwas grundsätzlich Neues beginnen. Jeder kennt den Kinderreim: ,,Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Dieses Licht ist im Märchen symbolisiert durch das Reis, also den Zweig vom Haselnussbaum, um den Aschenputtel den Vater gebeten hatte:

„Das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab.”

Dies ist eine wichtige Information, denn wenn wir unsere Situation von Grund auf ändern wollen, so kommt es darauf an, einen Keim für etwas Neues zu pflanzen und dafür zu sorgen, dass er kräftig wächst. Genau das tut Aschenputtel. Sie pflanzt den Zweig, den ihr Vater ihr mitgebracht hat auf das Grab der Mutter, geht jeden Tag dorthin, weint und betet. Was heißt das nun für uns?

Es kommt darauf an, eine Auszeit von allen weltlichen Dingen zu nehmen und nach innen zu schauen. Wenn ich in meiner äußeren Welt etwas Neues entstehen lassen will, so beginnt eine solche Veränderung im Inneren des Menschen. So wie jeder Same zunächst in der Erde Wurzeln schlagen muss, bevor ein Pflänzchen sichtbar wird. Jetzt heißt es, den Mut aufzubringen und mich mit mir selbst auseinandersetzen, nicht vor mir selbst weglaufen, sondern der Wahrheit ins Gesicht blicken, so schmerzhaft sie auch sein mag.  Dann fühle ich, was mir fehlt, und  es fließen in der Regel Tränen, doch es sind gesunde Tränen. Durch die Intensität unserer Gefühle kommt etwas in uns selbst in Bewegung, und es wird eine Kraft frei, die so stark ist, dass sie unsere gegenwärtige Situation ändern kann.

Bei diesem Prozess spielt der Vater nun doch eine Rolle und zwar eine ganz entscheidende. Er ist derjenige, der Aschenputtel den Zweig bringt, es ist ein Zweig, der ihm an seinen Hut gestoßen ist. Mit diesem Bild will uns das Märchen auf den Beitrag eines Vaters zur Entwicklung seines Kindes aufmerksam machen, und es wird deutlich, dass es sich um einen ganz anderen Beitrag handelt als den, den die Mutter leistet. Der Hut steht für den geistigen Horizont oder auch das Bewusstseinsniveau des Vaters. In der kindlichen Entwicklung ist es ist die Mutter, die für die Bewusstseinsentwicklung ihres Kindes sorgt. Bis zu welcher Höhe diese Entwicklung ablaufen kann, bestimmt im übertragenen Sinne der Hut des Vaters.

Der Vater bringt Aschenputtel nicht irgendeinen Zweig mit sondern den eines Haselnussbaumes. Auch darin liegt eine besondere Bedeutung denn die Haselnuss ist eine kleine Frucht mit einer harten Schale. Damit erfahren wir, welches Ergebnis wir nach einem erfolgreichen Entwicklungsprozess erwarten dürfen. Er macht Aschenputtel und jede andere Frau die diesen Entwicklungsprozess geht, zu einer stabilen widerstandsfähigen Persönlichkeit, im übertragenen Sinne zu einer harten Nuss.

Wieder zurück zur Geschichte. Aus dem Reis ist bereits ein Haselnussbäumchen geworden. Die glückliche Zukunft liegt quasi schon in der Luft, die Schicksalswendung ist schon unausweichlich. Bei Aschenputtel kündigt sich ein Fest des Königssohnes an. Instinktiv spürt sie hier ihre Chance und bittet, dort mit hingehen zu dürfen, was ihr verboten wird. Jetzt hat sie es mit massiven Widerständen zu tun, die es erst noch zu meistern gilt. Als erstes heißt es nun, sich nicht einschüchtern zu lassen, sondern alles zu tun, was man nur für die Erreichung seines Zieles tun kann. Auch wenn unmöglich zu bewältigende Aufgaben vor einem stehen oder wenn die Aufgaben reine Schikane sind, wie bei Aschenputtel. Bei ihr werden Linsen in die Asche geschüttet, die sie wieder auszusortieren hat. Jeder könnte gut verstehen, wenn Aschenputtel voller Zorn darauf aus wäre, es der bösen Stiefmutter heim zu zahlen, doch nichts von alledem. Sie tut, was ihr aufgetragen wird, glaubt daran, dass sie zum Fest des Königssohnes mitgehen darf und freut sich darauf.

Genau das ist das Geheimnis: Wenn ein Lichtstreif am Horizont zu erkennen ist und eine Möglichkeit, sein Schicksal zum Besseren zu wenden, dann heißt es, daran zu glauben; zu glauben und sich darauf zu freuen. Und nicht zu vergessen, alles dafür zu tun. Aschenputtel wird aktiv und ruft alle Täubchen und Turteltäubchen ihr zu helfen. Übersetzt heißt das, wenn wir uns in eine Verfassung bringen, in der wir fest glauben und uns freuen, holen wir, so scheint es, den ganzen Himmel auf unsere Seite. Diese innere Kraft, diesen festen Glauben können wir aber nur dann aufbringen, wenn wir mit der vorherigen passiven Phase des Rückzugs ernst gemacht haben. Denn nur so entsteht eine Kraft, die uns ohne Säbelrasseln und Kriegserklärung zu unserem Ziel führt.

Was ist nun in dieser nächsten Phase, in der wir bereits ein konkretes Ziel vor Augen haben, zu tun?

Die Hauptaufgabe Aschenputtels besteht darin, Linsen aus der Asche zu lesen. Sie muss die Guten von den Schlechten trennen. Dabei helfen ihr die Täubchen. Was will uns dieses Bild sagen? Jetzt heißt es, sich über das eigene Leben Klarheit zu verschaffen. Alles Gute, was das eigene Leben bereichert, gilt es zu erkennen und zu bewahren und alles, was unbrauchbar ist, was sich überlebt hat, was nur noch Asche ist, gilt es auszusortieren. Hat eine Frau diese gedankliche Klärung geleistet, dann ist sie mit sich selbst ins Reine gekommen. Das ist das Ziel. Im Märchen helfen dabei die Täubchen. Was heißt das?

Hier wird ein Thema berührt, dass viele nicht gern hören mögen, denn es deutet an, dass unsere menschlichen Kräfte nicht allein ausreichen, um eine belastende schwere Lebenssituation zum Guten zu wenden. Es ist noch eine ganz andere Kraft erforderlich, die göttliche Kraft. Es ist eine Gnade, die uns zuteil werden kann. Doch wir können uns auf sie verlassen, wenn wir den Rat der Mutter Aschenputtels befolgen. Sie sagte:

„Bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen.”

Betrachten wir, was Aschenputtel konkret tut, um ihr Ziel zu erreichen: Sie zieht sich drei Mal am Tag zurück, ist ehrlich mit sich selbst, weint und betet. Erst als ein konkretes Ziel auftaucht verschafft sie sich Klarheit, wer sie in ihrem tiefsten Wesen ist. Bis hierher hat Aschenputtel im Wesentlichen eine gedankliche Arbeit geleistet, und die bringt ihr einen immensen Erfolg. Denn jetzt fügt sich ihr Schicksal in ihrem Sinne. Der Königssohn bemüht sich um sie; im richtigen Moment ist sie immer am richtigen Platz, zum Schluss läuft sie aus Angst sogar vor ihrem Glück weg, und dennoch wird sie an den Platz geleitet, den sie sich unter Tränen heiß ersehnt hat. Das ist der Lohn.

Egal wer unsere Vorhaben vereiteln möchte oder wie viele Kräfte uns in die Knie zwingen möchten; wenn wir es richtig anstellen, neigen sich uns günstige Gelegenheiten und unglaubliche Zufälle entgegen, die uns sicher in solche glücklichen Lebensumstände führen, die wir uns durch die durchstandenen Entbehrungen verdient haben.

Eine wichtige Strategie dabei wird uns in dem Märchen auch mitgeteilt, sie heißt: Wir sollten unser Vorhaben heimlich verfolgen, nichts erzählen.Wer gegen mich ist, darf von meinem Plan nichts erfahren. Schließlich sitzt Aschenputtel, wenn ihre Stiefmutter mit den Töchtern vom Fest nach Hause kommt schon wieder im Kittel in der Asche.

Nun finden wir in dem Märchen noch eine scheinbar seltsame Textstelle: Als Aschenputtel dem Königssohn ins Taubenhaus entwischt, sagt er es dem Vater:

„sie mussten ihm Axt und Hacken bringen damit er das Taubenhaus entzwei schlagen konnte.”

Warum ergreift der Alte diese drastischen Maßnahmen? Gehen wir an den Anfang der Geschichte zurück, da sagt die Mutter kurz vor ihrem Tod:

„…ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein.”

In dieser geistigen Umhüllung der Mutter konnte die Entwicklung stattfinden. Dieser Schutzraum war Aschenputtels eigentliches Zuhause, in dem ihre Entwicklung stattfinden konnte. Doch nun, wo sie geschafft ist, muss dieser Raum zerschlagen werden. Der Alte zerschlägt das Taubenhaus als Hinweis darauf, dass es für Aschenputtel nun Zeit ist, ihre bisherige geistige Ausrichtung aufzugeben und sich ab jetzt wieder auf die realen weltlichen Lebensanforderungen zu konzentrieren. Der Birnbaum ist traditionellerweise ein Hausbaum und steht für das gedankliche Zuhause, das ihre Mutter ihr bisher geboten hat. Auch diese Verbindung zur Mutter muss gelöst werden. Ab jetzt ist sie diejenige, die um ihren Mann herum sein muss. Ein Hinweis, den das Märchen in dem Satz des Prinzen zum Ausdruck bringt: Das ist meine Tänzerin. Nur wenn eine Frau ihren Mann auf einer geistigen Ebene wie eine schützende Hülle umgibt, kann eine enge emotionale Bindung zwischen Mann und Frau möglich werden.

Wer ist der Alte, der Vater, dem der Königssohn von seiner Tänzerin berichtet, wirklich? Wenn man das Märchen genau liest, kommt einem der Verdacht, dass der Alte eigentlich Aschenputtels Vater ist! Denn nur er kennt seine Tochter gut und kann vermuten, dass die Tänzerin des Prinzen seine Tochter ist.

Die Entwicklung Aschenputtels ist geschafft, sie hat sich bis zum geistigen Niveau des Vaters oder auch des Königssohnes entwickelt. Der Vater und der Königssohn sind miteinander vertraut. Sobald Aschenputtel den Königssohn entdeckt hat, ist er es, der auf sie zukommt und sie schließlich von Zuhause holt. Für uns heißt das: Sobald ich einen Ausweg aus der Misere deutlich vor Augen habe ist der Weg zu meinem Ziel schon fast geschafft. Es war Aschenputtels Aufgabe, sich in eine Verfassung zu bringen, in der sie den Königssohn überhaupt erst anziehen konnte. In unserem Leben kann der Lohn für diese gemeisterte Aufgabe der zukünftige Ehemann, der Durchbruch in der Karriere oder der Umzug in eine schönere Wohnung sein.

Am Ende des Märchens entscheidet die Größe der Füße, wer die Braut des Königssohnes wird. Wie ist das zu verstehen?

Wer auf großem Fuß lebt, hat den Schwerpunkt seines Lebens auf die materielle Seite verlagert. Den Schwestern mit den großen Füßen ist das Materielle wichtig, das zeichnet die garstigen Schwestern aus. Schöne Kleider, Perlen und Edelsteine bedeuten ihnen sehr viel, ihre innere Herzensseite hingegen bedeutet ihnen nichts. Diese Charaktermerkmale drückt das Märchen auch dadurch aus, dass der leibliche Vater der Schwestern, also das innere geistige Prinzip, tot ist.

Ganz anders bei Aschenputtel. Alles äußere Materielle war ihr genommen. Sie wünscht sich keine Perlen und Edelsteine sondern sie braucht inneres Wachstum, darum wünscht sie sich den Reis, um die Kraft zu gewinnen, ihre Situation grundsätzlich zu verändern. Darum hat sie, anders als ihre Stiefschwestern kleine Füße. Bei Aschenputtel steht die Verbindung zum Himmel, zum geistigen Prinzip im Vordergrund.

Aschenputtel gelingt es im Märchen, sein Schicksal zum Guten zu wenden, am Ende die Frau zu werden, die zu sich selbst und damit zu ihrem Glück findet. Wann immer wir in unserer heutigen Zeit glauben, uns in der unglücklichen Situation Aschenputtels wieder zu erkennen, können wir das Märchen als wertvollen Ratgeber heran ziehen.

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, daß man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu „Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja daß sich ein Stein erbarmen möchte.“ Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. „Ach, du bists, alter Wasserpatscher,“ sagte sie, „ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.“ „Sei still und weine nicht,“ antwortete der Frosch, „ich kann wohl Rat schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?“ „Was du haben willst, lieber Frosch,“ sagte sie, „meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.“ Der Frosch antwortete „Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.“ „Ach ja,“ sagte sie, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.“ Sie dachte aber „Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.“

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. „Warte, warte,“ rief der Frosch, „nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.“ Aber was half ihm, daß er ihr sein quak quak so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen mußte.

Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Tür und rief „Königstochter, jüngste, mach mir auf.“ Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach „Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?“ „Ach nein,“ antwortete sie, „es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“ „Was will der Frosch von dir?“ „Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.“ Indem klopfte es zum zweitenmal und rief

„Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht, was gestern
du zu mir gesagt hei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.“

Da sagte der König „Was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf.“ Sie ging und öffnete die Türe, da hupfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief „Heb mich herauf zu dir.“ Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er „Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.“ Das tat sie zwar, aber man sah wohl, daß sies nicht gerne tat. Der Frosch ließ sichs gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse. Endlich sprach er „Ich habe mich satt gegessen und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.“ Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach „Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.“ Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach „Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sags deinem Vater.“ Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand, „Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“

Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit spränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief

„Heinrich, der Wagen bricht.“
„Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als Ihr in dem Brunnen saßt,
als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

loredum

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loredum

Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach „hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder heraus.” Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte: und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.” Da trat es herzu, und holte mit dem Brotschieber alles nach einander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu „ach schüttel mich, schütte! mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.” Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach „was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dirs gut gehn. Du mußt nur Acht geben daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt (*);) ich bin die Frau Holle.” Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit, und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf daß die Federn wie Schneeflocken umher flogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht was ihm fehlte, endlich merkte es daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr „ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.” Die Frau Holle sagte „es gefällt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.” Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Thor. Das Thor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist” sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus: und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief

      „kikeriki,
      unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.”

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.
Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder „ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.” Die Faule aber antwortete „da hätt ich Lust mich schmutzig zu machen,” und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief „ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle mit einander reif.” Sie antwortete aber „du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen,” und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sich‘s gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste” sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief

      „kikeriki,
      unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.”

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte, nicht abgehen.

Für wen ist Frau Holle besonders hilfreich?

Das Märchen Frau Holle hilft allen Mädchen und Frauen, die sich mehr Zeit mit ihren Eltern, insbesondere mit ihrem Vater wünschen oder gewünscht haben.

Welche Hilfe bietet Frau Holle?

Das Märchen hilft einem Mädchen bei seiner Entwicklung zur Frau. Für eine gesunde weibliche Entwicklung braucht ein Mädchen idealerweise Mutter und Vater. Denn der emotionale männliche Einfluss des Vaters fördert normalerweise die weibliche Entwicklung einer Frau.

Wenn ein Mädchen keinen Vater hat oder zu wenig von seinem Vater hat, so besteht die Gefahr, dass ein junges Mädchen Probleme in seiner Entwicklung zur Frau bekommt.

Typisch weibliche Erkrankungen wie Essstörungen oder Bulimie können die Folge sein.

Hat eine Frau das Gefühl erschöpft und ausgebrannt zu sein, nicht aus ihrer Mitte heraus zu leben, sondern innerlich zerrissen zu sein, ständig auf der Suche nach dem, was sie zufrieden machen könnte, so deutet dies auf Defizite in der weiblichen Entwicklung hin.

Welchen Weg weist uns Frau Holle?

Die Entwicklung zur Frau ist der Weg in ihre eigene Mitte, zu ihrem innersten Kern, zum kleinen Haus der Frau Holle, wie dieser Ort im Märchen genannt wird. Wer diesen Weg geht, findet zu seinem Gleichgewicht. Er kommt in Einklang mit sich selbst und Unzufriedenheiten verschwinden. Innere Leere füllt sich auf. Eine Frau wird kraftvoll und fröhlich und kann aus ihrer innersten Mitte heraus leben.

Welche Kernaussage möchte uns das Märchen mitteilen?

Die Kernaussage des Märchens Frau Holle berichtet davon, dass eine Frau nur dann Glück und Zufriedenheit erfahren kann, wenn sie den Kontakt zu sich selbst immer wieder herstellt!

Wann immer uns das Leben von uns selber, von unserem Inneren weg führt, müssen wir uns darum bemühen, wieder zu uns selbst zu finden. Je besser dies gelingt, desto mehr wird das Leben das geben, was sich eine Frau ersehnt!

Wer sich nur von dem äußeren Schein der Dinge lenken lässt und nur etwas tut, weil es ihm etwas einbringt, wird den Kontakt zu sich selbst verlieren. Müdigkeit, Unzufriedenheit und Unglück sind die Folge!

Frau Holle ist ein Märchen für Mädchen und Frauen und will etwas sehr Wichtiges mitteilen. Es sagt, um welche Gesinnung sich eine Frau bemühen sollte, wenn sie alles Glück bekommen will, was sie sich in ihren kühnsten Träumen nur vorstellen kann. Es berichtet auch von den Schwierigkeiten, die sich ihr dann in den Weg stellen werden und wie sie diese meistern kann.

Das Märchen teilt auch mit, wie eine Frau ihr Leben völlig falsch in die Hand nehmen kann und dadurch von der Erfüllung ihrer Träume immer weiter weggetrieben wird, so dass ihr letztlich irreparabler Schaden zugefügt wird. Das Märchen ist deswegen so wichtig, weil für ein junges Mädchen kaum ersichtlich ist, was es sinnvollerweise tun muss. Im Gegenteil: Der Weg, der letztendlich alles Glück bringt erweist sich zunächst als ganz und gar nicht verlockend. Er beginnt mit Arbeit. So viel Arbeit, dass dem Mädchen des Märchens das Blut aus den Fingern springt. Doch ohne diese mühselige erste Wegstrecke geht es nicht. Und das will Frau Holle jeder Frau zurufen: Ja es ist schwer, sehr schwer sogar, doch halte durch, die Mühe wird sich noch viel mehr lohnen, als Du Dir jetzt vorstellen kannst, versprochen!

Bevor wir nun mit der Interpretation der Geschichte beginnen, braucht es zum besseren Verständnis einige Worte vorweg. Alles was in unserer Welt existiert hat zwei Seiten. Eine sichtbare materielle Seite und einen innewohnenden Kern, also das Wesen oder den Wesenskern. Die äußere Materie umhüllt und beschützt wie ein Mantel etwas Wesentliches. Beim Menschen ist die äußere Seite sein Fleisch und Blut die innere Seite ist sein Wesen oder das Selbst des Menschen. Dieses Selbst scheint durch seine Sprache, sein Denken und Fühlen hindurch. Bei einem Buch besteht die materielle Seite aus Papier und Druckerschwärze, sein Wesen ist das, was es uns mitteilen möchte. Die materielle umhüllende Seite wird traditioneller Weise verkörpert durch die Frau, darauf weist uns schon die Ähnlichkeit der Worte, Mutter, Mater, Materie hin. Der Mann dagegen steht für das Wesen, den Kern der Dinge.

Mit diesem Hintergrund verstehen wir, was es heißt, wenn wir zu Beginn unseres Märchens von einer Witwe erfahren. Es ist eine Frau, die den Kontakt zu ihrer inneren Seite, ihrem Wesen verloren hat, denn ihr Mann ist tot.

Diese Witwe hatte nun zwei Töchter. Von ihrer leiblichen Tochter wird gesagt, sie sei hässlich und faul.

Faul und hässlich sind Attribute, die uns erneut auf die materielle Seite des Lebens hinweisen. Materie ist tot, starr, unbeweglich, darum wird von der einen Tochter gesagt, sie sei faul. Und warum ist sie hässlich? Schönheit ist Ausdruck von Harmonie, dem Gleichgewicht zwischen der materiellen und der inneren wesenhaften Seite des Menschen. Ist ein Mensch von seinem Innersten abgeschnitten, dann kann es kein Gleichgewicht geben. Darum ist diese Tochter hässlich.

Mit der Witwe und ihrer hässlichen Tochter werden uns somit zwei Menschen vorgestellt, die sich ganz auf die äußere Seite des Lebens geschlagen haben. Eine innere Instanz gibt es für sie nicht, davon sind sie abgeschnitten. Für sie zählt alles, was auf die materielle Seite des Lebens gehört. Für sie ist es wichtig, viel zu besitzen und es zählt Geld. In allem, was zum bunten äußeren Glanz des Lebens gehört, spiegeln sie sich wieder.

Die andere Tochter ist die Tochter des Vaters. Er steht für die innere wesenhafte Seite. Das heißt das wir annehmen können, das heißt, wir können annehmen, dass bei dieser Tochter die Verbindung nach innen intakt ist. Sie lebt im Kontakt mit sich selbst. Darum wird von ihr auch gesagt, dass sie schön und fleißig ist. Mittlerweile wissen wir, warum sie ein schönes Mädchen ist. Ihr Wesen strahlt durch sie hindurch und macht sie schön. Und da das Wesenhafte etwas Lebendiges, Bewegliches ist, wird von ihr gesagt, sie sei fleißig.

Nun erfahren wir, dass die schöne Tochter für die anderen der Aschenputtel sein muss. Sie ist den anderen untergeordnet. Wie ist das zu verstehen? Schauen wir uns die Lebensumstände des schönen Mädchens zu Beginn des Märchens einmal an. Dort heißt es:

„Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.”

Ganz offensichtlich musste nun dieses Mädchen, das ein tiefes Gespür für sich selbst aufbringen kann, das von innen heraus lebt, sich tagaus tagein mit Dingen beschäftigen, die vollständig auf die äußere materielle Seite gehören. Die große Straße ist ein Bild für diese äußere Welt, und einen weiteren Hinweis gibt uns die Tatsache, dass sie spinnen musste. Sie musste Garn für Kleidung herstellen, sich mit etwas beschäftigen, das der äußeren Hülle dient.

Damit gibt uns das Märchen die wichtige Information, dass eine Frau, die in enger Übereinstimmung mit sich selbst, mit ihrem innersten Wesenskern lebt, auf der rein äußerlichen Seite des Lebens den anderen, die den Kontakt zu sich selbst gar nicht spüren, unterlegen ist. Denn bei ihr ist der Fokus auf die materielle Seite geschwächt. Das erfahren wir auch dadurch, dass sie als armes Mädchen bezeichnet wird.

Was bedeutet der Hinweis, dass sie neben einem Brunnen sitzt? Ein Brunnen oder Wasser ist immer ein Hinweis darauf, dass wir es mit einer weiblichen Geschichte zu tun haben. Was gleich nach dem Sprung in den Brunnen passieren wird, geht insbesondere Frauen etwas an.

Der Rahmen der Geschichte ist damit abgesteckt und nun beginnt die eigentliche Geschichte mit den Worten:

„Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war,…”

Die Spule steht symbolisch für unseren Wesenskern. Das, was uns im tiefsten Innern ausmacht. In unserer Geschichte ist dieser Kern blutig, er ist verletzt. Ihre Lebensumstände, die viele Arbeit ohne Liebe und Geborgenheit haben dem schönen Mädchen schwer zugesetzt. Damit gibt uns das Märchen eine wichtige Botschaft:

Wenn eine Frau, die ihr Leben aus einer tiefen Quelle schöpft, sich zu lange und zu intensiv mit den äußeren materiellen Dingen des Lebens beschäftigt, so besteht die Gefahr, Schaden zu erleiden. Sie kann aus ihrem inneren Gleichgewicht rutschen und den Kontakt zu sich selbst verlieren; zu dem, was sie im Innersten ausmacht. Damit ist sie verletzt und verliert an Lebensenergie. Das erfahren wir durch den Hinweis, dass ihr das Blut, als Ausdruck des Lebens, aus den Fingern springt.

So geht es vielen Frauen. Sie arbeiten, verdienen ihren Lebensunterhalt und irgendwann, wenn sie auf ihre innere Stimme hören, beschleicht sie das Gefühl, dass etwas falsch läuft. Sie fühlen sich immer schlechter, immer weniger lebendig, und sie ahnen dass das was sie tun kein Leben mehr ist.

Goldmarie springt nun die Spule aus der Hand und fällt in den Brunnen. Hier zeigt uns das Märchen was passiert, wenn wir zu lange nur noch funktionieren; dann verlieren wir uns selbst. Dann gibt es keine Verbindung mehr zwischen dem, was wir tun und uns selbst. Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem nichts mehr weiter geht. Frauen, die an diesem Punkt angelangt sind fühlen sich wie erstarrt, leblos, wie tot.

Als die Spule in den Brunnen fällt, sieht Goldmarie in ihrem Leben nur zwei Möglichkeiten, wie es weitergehen könnte und beide Möglichkeiten bedeuten den Tod. Hätte sie sich geweigert, die Spule aus dem Brunnen zu holen, hätte die Stiefmutter sie vermutlich noch schlechter behandelt, als sie es eh schon tat, oder gar verstoßen. In den Brunnen springen bedeutet auch den Tod. Goldmarie wählt auch in dieser tragischen Situation den Weg das zu tun, was ihr aufgetragen wurde. Ihre Stiefmutter hatte gesagt:

„Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.”

Das ist tatsächlich der richtige Weg, den jede Frau gehen sollte, wenn sie spürt, dass ihr Leben so nicht weitergehen kann. Doch, was bloß soll man machen, was kann man tun, um seine eigene Lage zu verbessern?

Im Märchen geht das Mädchen zu dem Brunnen zurück und in seiner Herzensangst springt es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Das Märchen fordert auf und sagt: Spring! Fass dir ein Herz, überwinde dich und spring ins Unbekannte, dorthin, wo du vermutest, dass du dir selber wieder näher kommst.

Für Goldmarie ist es wie ein Sprung in den Tod. Sie verliert die Besinnung, um danach zu erwachen und wieder zu sich selbst zu kommen. Dies könnte die Überschrift der Lebensphase sein, die Goldmarie jetzt betritt. Sie soll aufwachen! Je wacher sie wird, desto mehr wird sie zu sich selbst kommen. Was ist damit gemeint? Wir alle sehen unsere Welt wie durch eine dunkle Brille. Unser Schicksal sorgt jedoch dafür, dass die Brille mit der Zeit immer heller wird und was sehen wir dann? Ob unsere Umgebung, den Beruf den wir ausüben, die Menschen mit denen wir uns umgeben, uns gut tun oder nicht.

Für Goldmarie hat ihr neues Leben so ganz und gar nichts mehr mit ihrem alten Leben zu tun. Saß sie früher auf einer großen staubigen Straße, auf der sie sich abschotten musste, befindet sie sich jetzt auf einer Wiese mit vielen tausend Blumen und die Sonne scheint. Die Blumen fordern sie auf, sich zu öffnen. Sie muss sich öffnen, damit sie empfänglich wird für den Lohn, den sie erwarten darf.

Doch erst ist noch ein Weg zu gehen und der führt sie zunächst zu einem Backofen aus dem ihr das Brot zu ruft:

„Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.”

Was bedeutet dieser Satz in dem Märchen? Ein Laib Brot oder auch ein Körper weist uns immer auf die materielle Seite des Lebens hin. Etwas, was auf die materielle Weltseite des Lebens gehört, etwas, dessen Zeit abgelaufen ist, will beendet werden.

Wie macht das nun die moderne Frau? Sie setzt sich mit ihrem „Ach“ auseinander und denkt darüber nach, was sie in ihrem Leben beenden muss, was sich überlebt hat, was sie aussortieren und wegwerfen muss. Konkret kann das heißen, den Kleiderschrank aufzuräumen und alte Kleidung wegzuwerfen oder auch den  Job zu kündigen, wenn er sich überlebt hat. Oder aber die Trauer um einen vielleicht zu früh verstorbenen geliebten Menschen zu beenden oder den Kummer darüber, einmal benachteiligt oder schlecht behandelt worden zu sein. Von allem, dessen Zeit um ist, was nur noch eine Belastung im Leben ist, gilt es sich zu befreien und ganz konkrete Schritte zur Bewältigung zu gehen. Das ist ganz und gar nicht leicht, denn es bedeutet auch Abschied nehmen. Auf der einen Seite wird es eine Erleichterung sein, auf der anderen Seite kann es Tränen bedeuten. Das wird in dem Bild beim Apfelbaum ausgedrückt.

Der Baum rief ihm zu:

„Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.” Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie,…”

Das Regnen ist Ausdruck der Erleichterung und gleichzeitig Vorbote, dass bald etwas anderes, etwas Wunderschönes auf sie herabregnen wird. Das wird dann sein, wenn sie zu ihrem Wesenskern vorgedrungen sein wird. Doch noch ist ihr Kern vom Apfel umhüllt. Zu diesem Kern heißt es erst noch vorzudringen und auch hier gibt das Märchen einen Hinweis, was dafür erforderlich ist. Goldmarie muss den Baum schütteln. Sie muss dafür sorgen, dass etwas in Bewegung kommt. Sie muss sich selbst schütteln. An ihrer Verankerung im Boden, an ihren Standpunkten, ihren bisherigen Meinungen und Überzeugungen, was sie für gut hält und was abzulehnen ist. Es gilt, ihr gesamtes Leben neu zu überdenken. Mit dem Ziel, wieder eins mit sich selbst zu werden, eine Einheit herzustellen. Darum legt Goldmarie, wie das Märchen sagt, die Äpfel in einen Haufen. Nun mag man sich vorstellen, dass in jedem Apfel ein Goldkern verborgen ist. Nun ist es die Aufgabe, zu diesem Goldkern vorzudringen.

Der Weg über die Wiese am Backofen und am Apfelbaum vorbei bis zum Häuschen der Frau Holle ist der Weg, den Goldmarie gehen muss, um zum tiefsten Kern ihrer selbst vorzudringen. Sie kommt zu einem kleinen Haus, daraus guckt eine alte Frau, die sich mit den Worten vorstellt:

Ich bin die Frau Holle.”

An diesem Punkt ist Goldmarie am Ende ihrer inneren Wegstecke angelangt, bei ihrem: Ich Bin. Hier im Innersten, in der Höhle ihrer selbst verbirgt sich ihr innerster Kern,  ausgedrückt in dem Bild der großen Zähne.

„Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir‘s gut gehen.”

Diesen Satz hätten wir uns für Goldmarie von ihrer Stiefmutter gewünscht, die aber unbarmherzig ist und das Mädchen in Todesangst versetzt hat. Frau Holle ist das genaue Gegenteil. Sie ist eine wahre Mutter, sie sagt liebes Kind, und es ist ihr wichtig, dass es Goldmarie gut geht. Später im Text erfahren wir:

Es hatte ein gut Leben bei ihr kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Sprang ihr vor ihrem Sprung in den Brunnen noch das Blut aus den Fingern als ein Zeichen, dass sie an Lebenskraft verlor, so gibt es hier Gesottenes und Gebratenes. Hier wird sie genährt, und alles Böse ist überwunden. Gelingt es einer Frau also, bis zu ihrem Wesenskern vorzudringen und ganz in sich selbst zu ruhen, dann gibt es nur noch Gutes im Leben, dann geht es ihr gut! Und dann zieht sie auch das Gute an, denn es ist immer die eigene Ausstrahlung, die entweder Gutes oder Ungutes anzieht. Darum kommt ein Unglück selten allein. Wenn wir in einer schlechten Phase sind, dann sind wir es, die eine Schwierigkeit nach der anderen heraufbeschwören. Aus dem Märchen erfahren wir, was wir tun müssen, um uns aus einer solchen Negativspirale zu befreien. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen und in uns gehen, uns zurückziehen und unsere Mitte wieder finden. Wenn andere uns böse kommen, wenn der Ehemann einen Streit anfängt, so ist das ein Hinweis darauf, dass wir aus unserer Mitte gerutscht sind.

Es ist leicht gesagt, seine Mitte nicht zu verlieren. Es bedeutet harte Arbeit und auch, Angst zu überwinden. Viel lieber laufen wir vor uns selber weg doch dadurch gibt es keinen Lohn. Besser ist es, einen schwierigen aber notwendigen Schritt zu wagen und auch da gibt das Märchen eine Hilfestellung, es sagt:

„…wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst…”

Hier spielt das Wollen eine Rolle. Jede Frau ist sicher schon einmal an den Punkt gekommen, an dem sie sich gefragt hat, ob sie nun Dinge tun soll, bei denen andere Menschen stolz auf sie sind, bei denen sie Ruhm, Ehre und Geld gewinnt oder ob sie das tun soll, wonach ihr Herz schlägt, bei dem sie sich wohl fühlt. Hier heißt die klare Antwort: Das, was weiterführt ist einzig und allein das Hören auf sich selbst! Das ist die ,,Arbeit im Haus‘‘. Es ist das stete Bemühen das, was ich tue, im Einklang mit mir selbst zu tun. So wie eine Frau meist ihre Garderobe so auswählt, dass sie sich damit im Einklang fühlt, so sollte sie es idealerweise mit jeder Unternehmung tun. Das, was die Frau als Aufforderung in sich spürt, das sollte sie auch zunächst wollen und sich dann entschließen es zu tun.

Die „Arbeit im Haus” ist auch eine Arbeit, die die Umgebung verschönert, veredelt und darauf ausgerichtet ist, dass Menschen sich wohl fühlen.

Im Märchen gibt es aber noch einen wichtigen Schritt, den Goldmarie gehen muss. Nachdem  sie zu ihrem inneren Wesen vorgedrungen ist, trägt Frau Holle ihr auf:

Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt;…”

Goldmarie muss das Bett aufschütteln, es muss etwas in Bewegung kommen, dann wird etwas vom Himmel herabfallen. Erst waren es die Äpfel, nun sind es die Schneeflocken und bald ist es das Gold. Goldmarie geht durch eine harte, kalte Zeit doch sie wird sie meistern, wenn sie diszipliniert ihre Pflicht erfüllt.

Schnee hat eine kristalline Struktur. Dies ist ein Hinweis darauf, dass hier Materie gemeint ist. Schnee bedeckt die Erde mit einer Hülle. Ein deutlicher Hinweis, dass Goldmarie mit ihrer Arbeit die materielle Seite der Welt entstehen lässt. Wie können wir das verstehen? Der Weg Goldmaries ist ein Weg ins Innerste des Menschen. Dort angelangt, befindet sie sich im Einklang mit sich selbst, dann schlägt etwas um. Aus der Höhle entsteht die Hülle. Das Innerste wird zum Äußeren. Hier begegnet uns ein Bild, das schon in anderen Märchen gezeichnet wird. Es will uns eine Botschaft mitteilen, die für uns ganz unglaublich klingt:

Es ist die Botschaft, dass die Frau die Macht hat, auf unsere äußere sichtbare Welt Einfluss zu nehmen. Es ist die Frau, die die Kraft hat, eine blühende bunte Welt entstehen zu lassen. Niemand bekommt seine Welt von außen vorgesetzt, sondern die Verfassung der Frau, in wie weit sie mit sich selbst in Einklang leben kann, bestimmt den Zustand der Welt. Und wer so gründlich mit sich selbst aufräumt wie es Goldmarie getan hat, der bedeckt die Welt mit einer weißen Hülle als Ausdruck der Reinheit. Diese Welt ist in Ordnung.

Nach einer Zeit möchte Goldmarie wieder nach Hause und Frau Holle freut sich darüber.

„Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst,…”

Leben ist Rhythmus, ein stetiges Auf und Ab. Die Arbeit der inneren Seite hat Goldmarie getan, sie steht wieder in Kontakt mit sich selbst und nun heißt es, sich wieder nach draußen zu orientieren. Goldmarie hat ein Gespür für diesen Rhythmus und das freut Frau Holle. Doch zunächst erhält sie ihren Lohn. Es fällt ein gewaltiger Goldregen auf sie herab, so dass sie über und über damit bedeckt ist.

Goldmarie wird von dem Gold überzogen, so dass sie zu einem glänzenden Kern wird. Jetzt ist sie ganz und gar sie selbst. Sie hat sich selbst wiedergefunden, ausgedrückt in dem Bild, dass Frau Holle ihr an dieser Stelle die verloren gegangene Spule wiedergibt. Und wofür steht das Gold? Es symbolisiert das Wesen, den Kern der Dinge und das ist wie beim Atomkern, reine Energie. Es ist die Lebensenergie die freigesetzt wird, wenn wir alles Überlebte über Bord geworfen haben und zu uns selbst vorgedrungen sind.

Wer sein Leben aufräumt und nun ja sagen kann zu sich selbst, den richtigen Kurs weiter geht und auch noch so große Schwierigkeiten überwindet, gewinnt etwas unendlich Wertvolles, nämlich das Gold, unsere Lebensenergie.

Bald, wenn sich Goldmarie wieder äußeren Dingen zuwendet, wird dieses Gold wieder Schmutz ansetzen, dann wird sie sich immer mehr verlieren und dann beginnt der Prozess der Reinigung erneut. Sobald also eine Frau überlebte weltliche Dinge abstreift, ist damit der Weg zu ihrer inneren Kraftquelle frei geworden. Aus ihr strömt Energie. Es ist die ureigenste Aufgabe jeder Frau bis zu dieser Lebensquelle, das ist ihr innerster Wesenskern, vorzustoßen und mit Energie aufzuladen. Die Bewältigung unseres Arbeitsalltags, das Erledigen notwendiger Dinge mit denen wir unser Geld verdienen, verstopft den Zugang zu dieser Quelle immer mehr. Dann heißt es, einen Schritt zurück zu treten und sich innerlich wieder neu zu justieren.

Nun werden Sie vielleicht verblüfft oder enttäuscht sein, dass es sich bei dem Gold mit dem Goldmarie überhäuft wird, gar nicht um äußeren Reichtum handelt, denn im realen Leben ist sie immer noch arm. Vielmehr ist hier etwas auf der inneren Ebene geschehenen. Sie hat einen inneren Reichtum erworben. Nun könnte man sich enttäuscht abwenden und denken, dass man in dem Märchen wohl doch keine Hilfe findet, wie man in seinem Leben einmal nach vorne kommen kann. Man könnte denken, dass man zwar vielleicht zu einem innerlich wertvollen Menschen wird aber weiter keinen Nutzen davon hat. Schließlich zählt in dieser Welt nun einmal nur das, was man besitzt.

Diese Überlegungen sind falsch!

Der innere Reichtum ist die Voraussetzung dafür, bedeutende Veränderungen in der realen Welt bewirken zu können. Wenn man einen Ball werfen will, muss man zunächst nach hinten ausholen. Wenn man hoch springen möchte, muss man zunächst in die Knie gehen. Genauso verhält es sich auch auf der psychischen Ebene. Wer hoch hinaus will muss erst tief hinab, eben in den Brunnen, beziehungsweise auf die Suche zu sich selbst, zu seinem inneren Wesenskern. Mit dieser Voraussetzung kann man im Leben so hoch hinauskommen, wie man bereit war hinabzusteigen.

Im Märchen sind Mutter und Schwester von dem großen Reichtum der Goldmarie ganz beeindruckt, und als die Mutter hört, wie es dazu gekommen ist, will  sie der hässlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie muss sich nun auch an den Brunnen setzen und spinnen. Pechmarie aber tut nichts, sie ist faul und darum ist auch nicht zu erwarten, dass ihr die Spule aus der Hand springt. Sie weiß gar nicht, wie wichtig sie ist, wie wichtig es ist, sein ureigenstes Wesen zu fühlen. Das Märchen berichtet nun:

„Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein.”

Pechmarie springt selber in den Brunnen. Bei Goldmarie hingegen war der Sprung in den Brunnen der Sprung zu sich selbst ins Erwachen. Pechmarie hingegen geht diesen Schritt nach innen nicht. Sie spürt sich selbst nicht und vermisst deswegen auch nichts. Sie bleibt ganz im Äußerlichen haften. Ob ihr inneres Wesen aufschreit, hört sie nicht.

Nach ihrem Sprung in den Brunnen ist zunächst alles so, wie sie es schon von ihrer Schwester gehört hat. Nach dem Backofen kommt sie zu dem Apfelbaum, der ruft:

„Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.”

Wenn Pechmarie antwortet, dass ihr einer auf den Kopf fallen könnte, so will uns das Märchen damit sagen, dass sie nicht bereit ist, einmal über sich nachzudenken, die Dinge, wie sie sind, in Frage zu stellen, sich zu schütteln und vielleicht zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Sie ist nur auf den Reichtum am Ende aus, doch der Weg dorthin ist ihr zu lästig.

An ihrem ersten Tag bei Frau Holle ist sie fleißig und folgt Frau Holle, denn sie denkt an das viele Gold. Pechmarie will die Arbeit im Haus eigentlich gar nicht leisten, jedenfalls nicht aus ihrer inneren Überzeugung, sie tut sie nur in der Hoffnung auf das Gold. Doch diese Motivation hält nicht lange. Schon am zweiten Tag beginnt sie zu faulenzen und dann möchte sie morgens nicht mehr aufstehen. Das bringt uns zu einer weiteren Lebensweisheit:

Wenn ich etwas tun soll, das ich nicht will, dann werde ich müde. Es gibt viele Frauen, die sich regelrecht blockiert fühlen, ihre Aufgaben Haushalt und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Sie verlangen von sich den Haushalt zu richten, haben jedoch das Gefühl, dann ihre Karriere zu vernachlässigen und arbeiten im Haushalt nur das Allernötigste. Konzentrieren sie sich dagegen auf ihre Karriere, können sie dies auch nicht richtig und für lange Zeit, da sich früher oder später ihr Bedürfnis meldet, sich mit sich selbst zu befassen. Der Ausweg hier heißt, sich zu entschließen: Erst die innere Seite wollen und diese verwirklichen, um dann die äußere Seite zu wollen.

Pechmarie, die Frau, die sich überhaupt nicht mit sich selbst auseinandersetzt keinen Kontakt zu sich selbst hat, kann natürlich auch keine umgebende, schützende Hülle sein. Nur aus dem Kontakt mit dem Innersten fliegen die Federn und es entsteht die uns umgebende materielle Welt. Das lehrt uns das Märchen. Goldmarie wird am Ende mit jeder Menge Gold belohnt, auf sie wartet ein Leben mit vielen glücklichen Schicksalsfügungen. Wenn wir uns heute in einer Situation befinden, in der wir vielleicht nicht weiter wissen, in der wir keinen Kontakt mehr zu unserem Inneren, zu unseren Gefühlen haben, können wir auf den Weg Goldmaries schauen. Es könnte auch für uns ein erfolgreicher Weg zu Glück und Zufriedenheit sein.

Rumpelstilzchen

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller, „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“ Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach „Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rat: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen „Was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband“, sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang kam schon der König, und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre, Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen erschien und sprach „Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“ „Meinen Ring von dem Finger,“ antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fing wieder an zu schnurren mit dem Rade und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach „Die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen: gelingt dirs aber, so sollst du meine Gemahlin werden.“ „Wenns auch eine Müllerstochter ist,“ dachte er, „eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“ Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach „Was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?“ „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“, antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ „Wer weiß, wie das noch geht“, dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie versprach also dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach „Nun gib mir, was du versprochen hast.“ Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach „Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „Drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein „So heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor „Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ aber es antwortete immer „So heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte „Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:

„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist, daß niemand weiß,
daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „Heißest du Kunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.

loredum

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Rapunzel

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte, und von aller Welt gefürchtet wurde. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte „was fehlt dir, liebe Frau?” „Ach,” antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.” Der Mann, der sie lieb hatte, dachte „eh du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.” In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gutgeschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen,” sprach sie mit zornigem Blick, „in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? das soll dir schlecht bekommen.” „Ach,” antwortete er, „lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, daß sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.” Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm „verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen so viel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.” Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in die Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.
Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag, und weder Treppe noch Türe hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin, und rief

         „Rapunzel, Rapunzel,
         laß mir dein Haar herunter.”

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüber kam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, daß er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinauf steigen und suchte nach einer Türe des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er daß eine Zauberin heran kam und hörte wie sie hinauf rief

         „Rapunzel, Rapunzel,
         laß dein Haar herunter.”

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. „Ist das die Leiter, auf welcher man hinauf kommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.” Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief

         „Rapunzel, Rapunzel,
         laß dein Haar herunter.”

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.
Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah daß er jung und schön war, so dachte sie „der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,” und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach „ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herab kommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.” Sie verabredeten daß er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte „sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.” „Ach du gottloses Kind,” rief die Zauberin, „was muß ich von dir hören, ich dachte ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!” In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch, warn sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte Abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief

         „Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter,”

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. „Aha,” rief sie höhnisch , „du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.” Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerz, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab: das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie däuchte ihm so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er heran kam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

Für wen ist Rapunzel besonders hilfreich?

Das Märchen Rapunzel ist für Mütter, Töchter und auch für Paare, die sich vergeblich ein Kind wünschen, eine wertvolle Hilfe.

Ebenso hilft es Müttern, die sich ein besseres und liebevolleres Verhältnis zu ihren Töchtern wünschen. Die mit Sorge beobachten, dass sich ihre Tochter von ihnen distanziert oder sie von oben herab behandelt.

Es richtet sich auch an Mädchen und Frauen, die sich von ihrer Mutter dominiert und eingeengt fühlen.

Einem Mädchen aber auch einer erwachsenen Frau erleichtert es, eine gesunde Ablösung von der Mutter zu schaffen. Es hilft, sich aus einer zu engen Mutter Tochter Beziehung zu befreien und zu einer eigenständigen unabhängigen Persönlichkeit heranzureifen.

Und Paare, die sich vergeblich ein Kind wünschen, kann Rapunzel die Augen öffnen, welche Lebensfehler zur Kinderlosigkeit führen können.

Welchen Weg weist uns Rapunzel?

Rapunzel rät einer Mutter, einer Aufgabe nachzugehen, die ihr einen Lebensinhalt gibt und zwar unabhängig von der Fürsorge für ihre Tochter. Nur unter dieser Voraussetzung kann eine innige Mutter Tochter Beziehung entstehen. Je mehr eine Mutter ihr Kind zu ihrem Lebensinhalt macht, so weiß es das Märchen, desto mehr belastet und isoliert sie ihre Tochter, die sich dann distanzieren wird.

Einer Tochter, die sich eingeengt und vom Leben ferngehalten fühlt und voller Sehnsucht darauf blickt, wie andere ein Leben führen, dass sie auch so gerne hätte, zeigt Rapunzel, dass es für sie einen Weg in ein spannendes, interessantes Leben gibt. Sie darf nicht aufgeben daran zu glauben. Dann wird sich für sie eine Chance auftun. Diese Chance heißt es wahrzunehmen, auch dann, wenn die Tochter den Zorn der Mutter befürchtet.

Der Weg ins Leben verlangt den Mut, offen für seine Wünsche einzustehen und aktiv zu werden.

Wenn eine Tochter von ihrer Mutter überbehütet und vom Leben isoliert wurde, so bereitet das Märchen diese junge Frau auf die Zeit danach vor. Es weist auf eine schwere Lebensphase hin, die erst zu durchstehen ist. Doch dann ist es geschafft. Ein unabhängiges glückliches Leben kann möglich werden.

Frauen, die sich vergeblich nach einem Kind sehnen, rät Rapunzel zu prüfen, ob ihre Sehnsucht in Wahrheit die Sehnsucht nach einem spannenden ausgefüllten Leben ist. Dann gilt es zunächst, alle Kraft und allen Mut dafür aufzuwenden, ein solches Leben aufzubauen. Erst wenn ihr Gefühl ihnen signalisiert, mit einer Aufgabe ausgefüllt zu sein, haben die Frauen die besten Voraussetzungen geschaffen, schwanger zu werden.

Welche Kernaussage möchte uns das Märchen mitteilen?

Das Märchen Rapunzel hat eine ganz wesentliche Kernaussage: Wenn Frauen ein glückliches und erfülltes Leben führen möchten, müssen sie sich ihren Platz im Leben selber aktiv einrichten; sie sollten nicht einfach übernehmen was andere, oder das Leben ihnen „vorsetzt”. Sie müssen „ihren Garten selbst bestellen”. Sie müssen dafür sorgen, dass die Welt um sie herum blüht und gedeiht. Eine Frau, die passiv in der Erwartung stehen bleibt verwelkt, bevor ihr Leben zu blühen begonnen hat, das teilt uns das Märchen mit.

Das Märchen wendet sich auch an Mütter und ihre Kinder, die eine viel zu enge Beziehung miteinander aufgebaut haben, bei der die Mutter ihr Kind wie einen Besitz ansieht. Das Märchen erzählt uns, wie sich ein Kind trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen gut entwickeln und letztlich zu einer gesunden Abnabelung von der Mutter gelangen kann. Der Mutter dagegen zeigt es, wie wichtig für sie eine Aufgabe ist, die ihr einen Lebensinhalt gibt und die sie ganz ausfüllt. Das Märchen gibt Müttern wertvolle Hinweise, wie sie besser mit ihren abweisenden und um Distanz bemühten Töchtern umgehen können. Das Märchen macht deutlich, dass Kinder eine Mutter brauchen, die ein ausgefülltes Leben führt denn Kinder wollen an diesem Leben teilhaben und nicht selber ausschließlicher Lebensinhalt sein.

Frauen mit einem unerfüllten Kinderwunsch rät das Märchen, zunächst das eigene Leben so zu gestalten, dass sie sich ausgefüllt und wohl fühlen.

Und Männern gibt das Märchen den Hinweis, sich nicht für die Erfüllung aller Sehnsüchte ihrer Frauen verantwortlich zu fühlen, sondern auch mal den Mut aufzubringen, nein zu sagen.

Zunächst erfahren wir von einem Mann und einer Frau, die sich vergeblich ein Kind wünschen. Damit ist der Rahmen der Geschichte abgesteckt, und es ist zu vermuten, dass uns das Märchen mitteilen möchte, welche Fehler im Leben zu Kinderlosigkeit führen können, und was zu tun ist, diese Fehler zu umgehen. Gleich der nächste Satz bringt uns die erste Information:

Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.

Normalerweise gehörte in der damaligen Zeit zu jedem Haus ein Garten. In unserer Geschichte existiert zwar ein Garten, doch er gehört einer Zauberin. Es ist nur möglich, durch ein kleines Fensterchen in diesen Garten hinabzusehen. Wenn wir die Symbolik dieses Bildes übersetzen, so will uns dieses Märchen ein Paar vorstellen, dass einen sehr wichtigen Bereich seines Lebens ausgeklammert hat; ausgerechnet den Bereich, aus dem der Mensch seine Nahrung bezieht und der ihn leben lässt.

Vor der Zauberin hat alle Welt Angst und niemand wagt, den Garten zu betreten. Übersetzen wir dieses Bild, so haben wir es mit einem Paar zu tun, das sich nicht mutig vom Leben das nimmt, was es braucht, sondern hier herrscht Angst. Insbesondere die Frau wird von diesem Lebensgefühl geprägt, denn im übertragen Sinn steht der Garten für die Welt und damit für die Frau. Kann sie diesen Bereich aber nicht leben, so hat sie in ihrer Seele einen Teil abgespalten, den sie dringend leben müsste, weil er sie und ihre Familie nährt. Doch davor hat sie Angst.

Damit wird klar, wer die Zauberin ist. Sie ist, kurz gesagt, die dunkle Seite der Frau. Die Frau und die Zauberin gehören zusammen, sie sind ein und dieselbe Person. Der Garten, der durch die Zauberin bewacht wird, steht für den Seelenanteil, den jede Frau in ihrer weiblichen Entwicklung erobern sollte. Hat sie ihn in Besitz genommen, so ist es gleichbedeutend damit, im Einklang mit sich selbst zu sein, also derjenige zu sein, der sie ist.

Von dem Garten wird gesagt, dass er prächtig und voll der schönsten Blumen ist. Hier herrscht üppiges Leben. Hier duftet und blüht es in allen Farben. Er wird so verlockend dargestellt, als sei er das Paradies. Damit gibt uns das Märchen eine wichtige Information: Jede Frau besitzt einen solchen Garten, das heißt, in ihr steckt die Anlage, sich einen Lebensraum, eine Welt zu schaffen, die alles bereit hält, was sie zum Leben braucht. Sie hat die Kraft, eine herrliche bunte Welt entstehen zu lassen.

Es ist eine unglaubliche Botschaft, die uns das Märchen mitteilt:

Der Lebensraum mit all seinen Ereignissen, in dem jeder von uns lebt, kurz gesagt unsere Welt, ist nicht etwa von vornherein vorgegeben. So gehen wir normalerweise mit den Ereignissen in unserer Welt um. Wir meinen, die Welt ist wie sie ist und wir müssen uns entsprechend nach ihr richten. Das Märchen teilt uns etwas anderes mit. Es sagt, die Frau bestimmt, wie wir unsere Welt erleben; bunt und fröhlich oder trist und traurig. Die Frau ist die Welt. In welcher Welt eine Familie lebt entscheidet somit die Frau. Sie hat die Kraft, ein üppiges, lebendiges, buntes Leben voll zur Blüte zu bringen, das alles bereit hält, was für ein erfülltes Leben benötigt wird. Unter der Voraussetzung, dass sie den Schritt in den Garten wagt.

Die Frau im Märchen schaut voller Sehnsucht in den prächtigen und bunten Garten hinab. Sie sehnt sich, heißt es, und wir wissen, dass, wenn dieser zentrale seelische Bereich von einer Frau nicht gelebt wird, ihr Leben kümmerlich ist; es kommt nicht zur Blüte.

Übertragen auf die Frau in unserer heutigen Welt heißt das, dass sie andere so leben sieht, wie sie selber gerne leben würde: frisch, positiv, lebendig, in Fülle und Glück. Sie hofft, dass ein Wunder geschieht und ihr das Leben oder der liebe Gott das beschert, was sie sich wünscht. Das aber wird nicht geschehen, solange sie nicht mutig den Garten betritt und die böse Zauberin, also ihre dunkle Seite vertreibt. Sie muss ihre Angst überwinden. Erst dieser Schritt ist der Entwicklungsschritt vom Mädchen zur Frau. Es ist ihr Schritt ins Leben. Wenn eine Frau das Gefühl hat, das Leben geht an mir vorbei oder, vor lauter Arbeit verpasse ich mein Leben, so hat sie den Garten der Zauberin noch nicht betreten.

Der Frau im Märchen steht die kraftvolle Lebensenergie die nötig ist, alles Neue entstehen zu lassen, nicht ausreichend zur Verfügung. Sie ist davon abgeschnitten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie blass und elend aussieht und weiß, dass sie sterben wird, wenn sie nicht etwas aus dem Garten zu essen bekommt. Ein Paar, bei dem es der Frau so schlecht geht, die so kraftlos ist, kann natürlich schwer Kinder bekommen. Es wird also verständlich, warum das Paar im Märchen so lange kinderlos bleibt!

Es fällt auf, dass sie gar nicht auf die Idee kommt, sich selbst Strategien zu überlegen, um ihren Wünschen näher zu kommen, denn damit könnte sie sich ihren Garten erobern. Sie weiß aber, dass es so nicht weitergehen kann. Statt tatkräftig zu werden verharrt sie im Hoffen.

Jetzt springt ihr Mann ein. Aus Angst seine Frau zu verlieren, tut er etwas, das ihre Aufgabe gewesen wäre. Er überwindet seine Angst und steigt in den Garten, um das zu holen, was seine Frau braucht. Doch damit ist ihr Begehren nur für kurze Zeit gestillt, und sie verlangt nach mehr. Er könnte noch so häufig in den Garten steigen; solange sich die Frau nicht selbst aufmacht und ihre Angst überwindet, so lange wird sie sich vor Sehnsucht verzehren und keine Ruhe haben, wie es im Märchen heißt.

Wir haben es hier mit einem Mann zu tun, der seine eigenen Wünsche weit zurück stellt und bereit ist alles zu tun, damit es seiner Frau gut geht. Fast macht es den Eindruck, als wenn sein Lebensinhalt einzig das Glück seiner Frau ist. Also macht er sich ein zweites Mal in den Garten auf, damit seine Frau Ruhe hat. Seine eigene Ruhe scheint keine Rolle zu spielen. Ihre Wünsche stehen für ihn im Mittelpunkt.

Damit wird klar, dass der Mann die gleichen Ängste hat wie seine Frau. So wenig wie sie in der Lage ist, ihr Leben zu leben, so wenig ist er es. Er verfolgt nicht eigene Ziele, die er mit Kraft vorantreibt, sondern schaut ängstlich auf seine Frau und gibt sich alle Mühe, es ihr Recht zu machen. Im Gegenzug scheint sie sich um ihn wenig zu kümmern, denn nachdem er ihr die Rapunzeln gebracht hat wird gesagt:

Sie machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in voller Begierde auf.

Dies ist zwar eine Randmitteilung des Märchens aber eine charakteristische Kennzeichnung für ein Paar, bei dem jeder seinen Entwicklungsschritt in die Eigenständigkeit noch nicht gewagt hat. Dann ist ein Mann voller Angst, seine Frau könne sich von ihm abwenden und versucht, ihr alles Erdenkliche recht zu machen. Er kreist sozusagen um seine Frau und die Frau kreist um sich selbst, beziehungsweise gedanklich um ihr Kind, das sie ersehnt. So aber sollte es nicht sein. Denn ein solches Leben nimmt beiden mit der Zeit die Luft zum Atmen.

Das Märchen stellt uns hier eine Frau vor, die ganz und gar keinen selbständigen Eindruck macht sondern die beinahe wie ein Kind darauf hofft, dass sie das vom Leben bekommt, was sie braucht doch gleichzeitig davon überzeugt ist, selber dazu nichts beitragen zu können. Ihr Leben kreist egoistisch um ihre Bedürfnisse, doch ohne selbst aktiv zu werden. Sie steht an einem kleinen Fenster und schaut dorthin (dort hin), wo sie am bunten Leben teilnehmen müsste. Doch das traut sie sich nicht zu, so bleibt ihr Leben unausgefüllt und in der Sehnsucht stecken.

Der Gedanke dass das, was mir Freude macht, was ich gerne hätte, für mich sowieso unerreichbar ist, ein solcher Gedanke darf nicht sein. Entweder gilt es das, was ich mir wünsche, tatkräftig in die Hand zu nehmen, so dass es Realität wird oder den Wunsch zu verwerfen und sich realistische Ziele zu setzen. Meist sind Wünsche erreichbar, sofern ich etwas dafür tue. Im Märchen sehnt sich die Frau nach Rapunzeln, was lediglich gewöhnlicher Feldsalat ist, der leicht selbst anzupflanzen ist.

Von der Frau im Märchen wird gesagt, dass sie keinen Feldsalat bekommen konnte. Und wir fragen uns: Warum? Was macht sie so sicher, dass sie davon keinen bekommen kann? Es wäre doch so leicht!

Wir ahnen wo der Grund liegen mag, wenn wir die Geschichte zu Ende gelesen haben. Sie traut sich nichts zu, weil sie auch eine Mutter hatte, die sie so behandelt hat, wie Frau Gothel es mit Rapunzel tut. Eingesperrt in einen hohen Turm mit nur einem kleinen Fenster schaut sie auf die Welt. Auch sie hat keine Mutter gehabt, die ihr Leben in die Hand nahm, es erfüllend gestaltete und für die Tochter ein Vorbild war.

Das Märchen teilt uns präzise mit, wonach sich die Frau sehnt:

…da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war; und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen.

Wenn sie wegen gewöhnlichem Feldsalat Verlangen spürt, weil er frisch aussieht, so können wir vermuten, dass ihr Leben genau das Gegenteil ist. Ihr Leben beginnt, bevor es überhaupt angefangen hat, bereits zu verwelken. Wenn von der Farbe grün gesprochen wird, als Symbol der Liebe, so ist es ein Hinweis, dass sie sich nach Liebe sehnt. Sie kann keine Liebe zu ihrem Mann empfinden, da sie ihren Platz als Frau noch nicht eingenommen hat. Dazu würde gehören, dass so, wie normalerweise der Mann, auch die Frau die Aufgaben übernimmt, die ihr einen Lebensinhalt geben. Es können ganz gewöhnliche Aufgaben sein, nichts Spektakuläres, dann würde ihr Verlangen und ihre Lust gestillt werden, dann wäre sie mit sich im Gleichgewicht und könnte Liebe empfinden. Doch diesen Schritt wagt die Frau im Märchen nicht.

Als der Mann das zweite Mal in den Garten steigt, erschrickt er gewaltig, denn er sieht die Zauberin vor sich stehen.

„Wie kannst du es wagen, ……..in meinen Garten zu steigen und mir wie ein Dieb meine Rapunzeln zu stehlen?”

Hier steht: „…wie ein Dieb…“ Dabei stiehlt er die Rapunzeln doch tatsächlich. Was bedeutet das? Wenn wir den Garten als die Welt auffassen, die durch die Kraft der Frau zum Blühen und Gedeihen gebracht wird, so steht es dem Mann zu, sich in dieser Welt frei zu bewegen. Die Welt, die von der Frau kreiert wird dient dem Mann als Hülle, als Lebensraum, in dem er arbeitet und sich sicher und geborgen fühlen kann. Ihm steht es zu, sich in diesem Garten zu bedienen. Er muss nicht wie ein Dieb kommen, sondern es ist sein Recht.

Doch wie seine Frau Angst davor hat, für ihn die Welt, die schützende Hülle zu sein, so hat auch der Mann Angst, sich in diesem für ihn noch nicht freigegebenen Bereich zu bewegen. Darum berichtet uns das Märchen:

Der Mann sagte in seiner Angst alles zu.

Er verspricht das Kind, das das Paar erwartet, der Zauberin! Was will uns das Märchen damit sagen? Ein Mann, der sich vor den Karren seiner Frau spannen lässt, die Ängste seiner Frau stützt indem er ihr, aus Angst sie zu verlieren, ihre Aufgaben abnimmt, wird sein Kind an seine Frau verlieren. Die Zauberin steht für die noch nicht erlöste Seite der Frau; der Frau, die noch zu viel Angst hat, ihren Platz im Leben einzunehmen.

Als nun das Kind geboren wird erscheint sofort die Zauberin, gibt ihm den Namen Rapunzel und nimmt es mit sich fort. Das Kind trägt nun den Namen dessen, wonach die Mutter großes Verlangen hatte. Als sie zu Beginn des Märchens sehnsüchtig auf den Garten mit seinen köstlichen frischen Rapunzeln schaut, hat sie große Gelüste, diese zu verspeisen. So weist also schon der Name des Kindes darauf hin, dass die Mutter das Kind völlig für sich vereinnahmen wird. Damit zeigt uns das Märchen einen tieferen Grund von Kinderlosigkeit.

Wenn eine Frau aus Angst nicht wagt, im Garten der Welt all das anzubauen, wonach sie begehrt, übersetzt heißt das, wenn sie nicht wagt, Aktivitäten in der Welt zu initiieren, die ihr Freude machen, dann wird sie nicht so leicht schwanger werden.

Wird dennoch ein Kind geboren, so wird die Mutter die Befriedigung all ihre Wünsche und Sehnsüchte von ihrem Kind erwarten und es ganz für sich beanspruchen. Die Zauberin, also die angstvolle Seite der Mutter hat es versäumt, ihre Welt zu bestellen. Stattdessen macht sie ihre Tochter zu ihrer Welt. Mit Rapunzel hat sie sich ein Stück von der bunten Lebendigkeit der Welt ins Haus geholt und partizipiert nun von ihrem Leben.

Als das Kind zur Frau heranreift, wird es für die Mutter gefährlich. Denn mit der Pubertät beginnt ein Entwicklungsprozess, in dem sich die Tochter von der Mutter abnabeln möchte. Das aber kann die Mutter nicht zulassen. Denn so, wie sie bereits vor der Geburt ihrer Tochter glaubte, sterben zu müssen, wenn sie nicht von den Rapunzeln bekäme, so befindet sie sich heute in der gleichen Situation. Sie braucht ihre Tochter zum Leben, weil ihre Tochter ihr Leben ist. Sie verbringt jeden Tag mit ihr, sie ist ihr ganzer Lebensinhalt. Sie muss den Schritt der Tochter in die Welt verhindern, also sperrt sie sie in einen Turm, der keine Tür hat sondern nur ein kleines Fensterchen und isoliert sie damit von der Welt.

Es ist das gleiche Bild wie zu Beginn des Märchens. So wie die Mutter nur ein kleines Fenster mit der Welt verband, so ist jetzt ihre Tochter in der gleichen Situation, und wir können vermuten, dass es sich um das gleiche Fenster handelt. Jetzt verstehen wir die Angst der Mutter, nach draußen zu treten besser. Vermutlich hat sie eine ähnlich besitzergreifende Mutter gehabt, und ihr wurde jede eigene Erfahrung mit der Welt verwehrt.

Der Turm steht in einem Wald. Das weist darauf hin, dass Mutter und Tochter allein sind; es gibt keinen anderen Menschen, der ihnen nahe wäre.

Nun kommt Frau Gothel, wie die Zauberin heißt, jeden Tag zu Rapunzel und lässt sich von ihren langen Haaren hochziehen. Die wichtigste Botschaft des Märchens steckt in diesem Bild: Wir haben zu Beginn erfahren, dass eine Frau, die in der Sehnsucht nach Wünschen stecken bleibt und selbst nichts für ihre Erfüllung tut, an Energie verliert. Ein Kind kann eine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes wieder hoch ziehen und das will uns dieses Bild mitteilen. Doch damit belastet die Mutter ihr Kind. Die Mutter darf ihr Kind nicht dazu benutzen, damit es ihr selber gut geht. Diese Aufgabe ist für ein Kind zu schwer.

Das Märchen teilt uns präzise mit, womit ein Kind die Mutter hochzieht. Im Märchen sind es die Haare von Rapunzel und die stehen für eine weibliche Kraft, für Leben und Lebendigkeit. Es ist die Kraft, die den Garten der Welt zum Blühen bringen kann. Diese frische jugendliche Kraft ist es, die die Mutter braucht. Es ist aber auch die Kraft, mit der eine Frau einen Mann anziehen kann.

Obwohl die Mutter sich bemüht, ihre Tochter ganz eng an sich zu binden, entsteht der Eindruck von Distanz und Ablehnung. Als Rapunzel sich für den Königssohn entscheidet, tut sie das mit den Worten:

„Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel.”

Das Wort Gothel deutet etymologisch auf die Bedeutung barbarisch, roh hin. Ihre Mutter ist für sie also eine rohe alte Frau, zu der sie keine enge Bindung fühlt, darum ist sie auch schnell bereit zu gehen. Absatz

Wenn eine Mutter sich mehr Nähe zu ihrer heranwachsenden Tochter wünscht, so sollte sie sich fragen: Habe ich eine Aufgabe, die mir wirklich Freude macht und die mich ausfüllt? Ermögliche ich meiner Tochter Einblick in ein erstrebenswertes Erwachsenenleben? Je mehr eine Frau in ihrer Tätigkeit aufgeht, desto weniger braucht sie ihre Tochter. Erst jetzt ist der Weg frei für echte Liebe und Nähe.

Der entscheidende Satz der Rapunzel verhilft, ein anderes Leben zu führen als ihre Mutter und ihr auch hilft, sich aus der Isolation zu befreien, sind die Worte des Königssohns, als er ruft:

„Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter.” Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf. Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam,..

Dieser gewaltige Schreck ist der Wendepunkt, der ihre Angst zum Verschwinden bringt. Sie öffnet sich, ohne es zu ahnen einem Mann und damit ist der Bann gebrochen. Das ist der Schritt, den eine Frau gehen muss, um die böse Zauberin zu vertreiben. Es ist ihr Schritt ins Leben. Sie muss sich einem Mann öffnen, einen Mann wirklich in ihr Leben lassen. Dieser Entschluss vertreibt ihre Angst. Doch nicht nur sie muss einen neuen Schritt wagen, auch vom Mann wird Initiative verlangt.

Darum erzählt der Königssohn:

„…, daß von Ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen.”

Er wird aktiv, als seine Sehnsucht ihm keine Ruhe lässt. Er tritt für sich selbst ein und das wiederum erleichtert es Rapunzel, ihr Leben genauso in die Hand zu nehmen. Das Märchen sagt:

Da verlor Rapunzel ihre Angst.

Jetzt ergreift sie die Initiative und ersinnt Strategien, wie sie vom Turm hinab kommen kann. Sie will eine Leiter flechten, und wenn sie fertig ist, will sie hinuntersteigen, und er soll sie auf sein Pferd nehmen. Ein Bild das zeigt, dass sie den Schritt in ein erfülltes Leben geschafft hat.

Doch dieser Plan klappt so nicht. Denn eines Tages sagt Rapunzel zu der Zauberin:

„Sag Sie mir doch Frau Gothel, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.”

Warum dieser Satz? Warum verrät sich Rapunzel selber?

Es scheint, dass sie den Zorn der Frau Gothel geradezu provozieren will, aber warum? Letztendlich macht es ihr den Schritt der Trennung leichter. Wäre sie heimlich mit dem Königssohn gegangen, so hätte sie sich von den Schuldgefühlen, ihre Mutter im Elend zurückzulassen, kaum befreien können. So ist es die Mutter, die ihre Tochter Rapunzel verstößt.

Wenn sich Jugendliche ihren Eltern widersetzen, kann es diesen Grund haben. Wenn Jugendliche sich abnabeln und eigene Wege gehen, so entstehen Schuldgefühle. Manche provozieren nun den Zorn der Eltern, weil es dann leichter ist, mit den Schuldgefühlen fertig zu werden.

Im Märchen schneidet Frau Gothel ihrer Tochter die Haare ab,

… ritsch, ratsch waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde.

Was heißt das? Rapunzel hat wunderschöne lange Haare und die stehen für die weibliche Kraft; die Kraft, die den Garten der Welt zum Blühen bringen kann, die benötigt wird, um ein erfülltes Leben zu führen. Diese Kraft steht der Mutter nicht zur Verfügung. Sie konnte nur davon partizipieren, indem sie Rapunzel ganz für sich beanspruchte. Nun, wo ihr diese Kraft nicht mehr gewährt werden soll, bricht die alte egoistische Zauberin wieder in ihr durch; nun soll auch niemand anderer von dieser Kraft profitieren. Jetzt schneidet sie Rapunzel von dieser Kraft ab, so wie sie selbst ihr Leben lang davon abgeschnitten war.

Was steht nun einer jungen Frau bevor, wenn sie die Stärke aufgebracht hat, sich von einer besitzergreifenden Mutter zu lösen? Wie äußert es sich, wenn ihr im übertragenen Sinn die Haare abgeschnitten werden?

Sie muss sich von einer alten emotionalen Bindung, einem vertrauten Menschen lösen. Sie muss ihre emotionalen Bande neu knüpfen und einen neuen Standort mit anderen Menschen aufbauen. In dieser Übergangszeit ist sie von ihrer urweiblichen Kraft abgeschnitten. Bevor sie sich nicht einen neuen festen Platz geschaffen hat, steht ihr diese Kraft nicht zur Verfügung. Denn es ist eine Kraft, die erst fließen kann, wenn eine Frau in sich ruht, wenn sie ihre Mitte gefunden hat. Bis es soweit kommt, ist um sie herum eine Wüstenei, das Chaos.

Wenn jemand Haare lassen muss, so wird damit auch das Thema Opfer bringen angesprochen. Rapunzel muss ihr altes vertrautes Leben, in dem sie hoch über der Erde, von allen Beschwernissen des Lebens verschont, ganz alleine und isoliert sitzt, opfern. Sie muss es tun, um auf der Erde anzukommen. Im Märchen heißt es

…die schönen Flechten lagen auf der Erde.

Doch bevor ihr neues selbstbestimmtes Leben beginnt, ist zunächst eine schwere Zeit in Jammer und Elend zu bestehen. Rapunzel liegt zunächst am Boden. Ihr Leben hat noch keine Struktur, keine Beziehungen und keinen Rhythmus und ist darum eine Wüstenei; ein trauriges, schwer zu ertragendes Los.

Nicht nur Rapunzel wird vom Zorn der Mutter getroffen. Auch der Königssohn wird in Mitleidenschaft gezogen. So wie die Haare Rapunzels zu Boden fallen, so fällt auch er zu Boden und verliert sein Augenlicht.

Aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher,…

Was bedeutet der Hinweis, dass der Königssohn blind wird? Am Anfang des Märchens wird veranschaulicht, dass die Frau mit ihrer Kraft die Welt in all ihrer Schönheit entstehen lassen kann. Damit kreiert sie die Welt, in der sich der Mann bewegt. Verliert ein Mann seine Frau, so verliert er seine Welt. So wie er seine Frau nicht mehr sieht, so kann er die Welt nicht mehr sehen. Übertragen heißt dies, ein solcher Mann fühlt sich orientierungslos, er irrt wie in einem Wald herum und weiß nicht, welches Ziel er im Leben ansteuern soll.

Am Ende des Märchens wird noch mitgeteilt, dass Rapunzel Zwillinge geboren hat. Ein Hinweis darauf, dass sie, anders als ihre Mutter, nun im Gleichgewicht ist. Sie ist den mutigen Schritt aus dem schützenden Haus der Mutter heraus in ihr eigenes Leben gegangen. Rapunzel schafft es, ihr Leben wieder in eine gesunde, in die richtige Richtung zu setzen. Vorher hatte die Mutter einen wichtigen Bereich, nämlich den Garten, aus ihrer Seele abgespalten. Sie hatte nicht gewagt, zur Frau zu werden. Geht aber eine Frau den Schritt wie Rapunzel, befreit sie sich von der Macht der Mutter und wagt es, einen Mann in ihr Leben zu lassen, dann öffnet sich ihr ein erfülltes weibliches Leben.

Rapunzel hat es aus eigener Kraft geschafft, ihr Leben blühen und gedeihen zu lassen. Sie hat sich von der Mutter abgenabelt, einen Mann gefunden, hat ein eigenständiges Leben aufgebaut und am Ende zwei Kinder geboren. Das Leben Rapunzels mit seinem erfolgreichen Ende ist ein sehr praktischer Wegweiser für Mütter, Töchter und Männer, die auf der Suche nach Lösungen für ein kraftvolles und selbstbestimmtes Leben in Fülle sind.

Dornröschen

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag ‚ach, wenn wir doch ein Kind hätten!‘ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach, ‚dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.‘ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht blos seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichthum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben gethan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme ‚die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und todt hinfallen.‘ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie ‚es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.‘ Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämmtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da gieng es aller Orten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Thurm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Thüre. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Thüre auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. ‚Guten Tag, du altes Mütterchen,‘ sprach die Königstochter, ‚was machst du da?‘ ‚Ich spinne,‘ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. ‚Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?‘ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so gieng der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit, in den Finger.
In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, die eben heim gekommen waren und in den Saal getreten waren, fiengen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloß umzog, und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es gieng aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen langen Jahren kam wieder ein mal ein Königssohn in das Land, und hörte wie ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling ‚ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.‘ Der gute Alte mochte ihm abrathen, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die thaten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm thaten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da gieng er weiter, und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da gieng er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Athem hören konnte, und endlich kam er zu dem Thurm und öffnete die Thüre zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da giengen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin, und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich: die Jagdhunde sprangen und wedelten: die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld: die Fliegen an den Wänden krochen weiter: das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte: und kochte das Essen: der Braten fieng wieder an zu brutzeln: und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige daß er schrie: und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

loredum

loredum

Zu Beginn des Märchens erfahren wir von einem Königspaar, das sich sehnlichst ein Kind wünscht, doch keines bekommt. Dieser erste Satz deutet bereits auf die grundlegende Thematik, des Märchens. Mit den beiden großen archetypischen Kräften des Lebens, der männlichen und der weiblichen Kraft, repräsentiert durch König und Königin, ist etwas nicht in der Ordnung, und so kann eine gegenseitige Befruchtung nicht stattfinden.

„Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach‚ dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“
In jedem Anfang ist in verdichteter Form bereits der gesamte Ablauf enthalten – eine Weisheit, die auch in Dornröschen zum Ausdruck kommt, und zwar in diesem zweiten Satz. Ein Frosch kriecht vom Wasser an Land. Das steht für einen Prozess der Bewusstwerdung. Etwas, das vorher im Wasser, dem Symbol für das Unbewusste, verborgen lag, tritt ans Licht, es wird bewusst.
Als der Frosch der Königin die Botschaft bringt, dass sie ein Kind bekommen wird, sitzt sie im Bade. Was heißt das? Alles Wässrige ist ein Hinweis auf die weibliche Seite des Lebens, auf das empfangende Prinzip. Übersetzt könnte dieser Satz also heißen: Als die Königin einmal in einer besonders weiblichenVerfassung war, wurde sie schwanger.

Dass es ein Frosch ist, der aus dem Wasser kriecht, verheißt allerdings nichts Gutes. Das, was vom unbewusst Weiblichen in die Sichtbarkeit tritt, wird uns in einer verkappten, noch nicht erlösten Form begegnen.
Wir ahnen schon, weshalb das Königspaar bislang vergeblich auf ein Kind gehofft hat: Die Königin konnte eine empfangende, also weibliche Haltung noch nicht aufbringen, und die ist Voraussetzung für Empfängnis und Schwangerschaft. Wir fragen uns, warum? Auch darauf gibt das Märchen eine Antwort. Sei kein Frosch! meint auch: Hab keine Angst. Vermutlich hat Angst eine entscheidende Rolle gespielt.

Dieses Märchen berichtet uns also von einem natürlichen Entwicklungsprozess zu mehr Bewusstheit, wie er bei jedem Menschen abläuft. Dabei wird allerdings der männlichen Seite des Lebens ein zu großes Gewicht beigemessen und die weibliche Seite wird vernachlässigt. Das hat freilich Konsequenzen, und von denen erzählt uns das Märchen.
„Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte.“
Wir erfahren von der Schönheit des Kindes und der übergrossen Freude des Königs darüber. Von der Freude der Mutter hören wir nichts. Das will uns etwas Wichtiges mitteilen. Schönheit ist ein Ausdruck von Weiblichkeit und Harmonie und damit genau das, was der König bisher vermisst hat. Das Kind ermöglicht ihm die emotionale Berührung mit dem weiblichen Pol, seiner Ergänzung, was seine Frau ihm offensichtlich nicht geben konnte, weswegen sie auch lange Zeit nicht schwanger wurde.

Seiner Freude will er nun mit einem großen Fest Ausdruck verleihen, und auch die dreizehn weisen Frauen des Landes sollen dazu eingeladen werden.
„… weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben.“
Was heisst denn das? Ein goldener Teller erinnert uns an die Sonne. Und bei der Zwölf denken wir an die zwölf Sonnenmonate. Die Sonne symbolisiert ein archetypisch männliches Prinzip, ebenso das Gold, und dass es am Hofe nur zwölf goldene Teller gibt, heißt, dass in diesem Königreich allein das männliche Prinzip gelebt und geachtet wird.
Die Zahl Dreizehn hingegen gilt als archetypisch weiblich, denn sie bezieht sich auf die dreizehn Mondzyklen des Jahres. Ein dreizehnter Teller wurde nie gebraucht. Das heißt, alles Weibliche wurde als überflüssig, nicht notwendig angesehen. Es spielte einfach keine Rolle. Und so wurden nur zwölf weise Frauen eingeladen. Für die dreizehnte als Repräsentantin des Weiblichen schlechthin war auf diesem Fest kein Platz. Der weibliche Aspekt wird einmal mehr aus dem Leben verdrängt und ausgeschlossen.
Im Leben des Königspaars sind die beiden großen Kräfte des Lebens dramatisch aus dem Gleichgewicht geraten. Unter dieser Voraussetzung kann kein neues Leben entstehen, denn dazu braucht es die Verschmelzung zweier entgegengesetzter,
aber gleich starker Teile.
Sehen wir uns die heutige Gesellschaft an, so wird klar, dass Dornröschen hoch aktuell ist. Auch bei uns zählt vor allem die männliche Seite des Lebens.
Aktiv sein, Quantität produzieren und verteilen, sich die Ressourcen der Erde verfügbar machen, draußen Flagge zeigen – all das steht bei uns hoch im Kurs. Hingegen etwas in Empfang nehmen, Leben wachsen und gedeihen lassen, für Qualität von Leben und Lebensmitteln sorgen, auf Lebenskultur achten, Fürsorge für Kinder und Schwache übernehmen, drinnen ein erholsames Zuhause aufbauen, das ist die weibliche Seite. Die wichtigste weibliche Aufgabe ist es, die äußeren Lebensumstände mit den inneren Bedürfnissen des Menschen in Einklang zu bringen. Nur so kann Leben wachsen und gedeihen und Lebensqualität zunehmen.

Solche Aufgaben werden heute allgemein gering geachtet. Passiv-empfänglich sein wird häufig gleichgesetzt mit faul oder langweilig sein. Die Fürsorge für die eigenen Kinder und Eltern wird an Fremde delegiert. Lebensqualität und Kultur möchte zwar jeder gern haben, doch meist selbst nichts dafür tun, weil es wirtschaftlich nichts oder nur wenig einbringt.
Darum drängen wir Frauen heute auch auf die männliche Seite. Und machen damit das Gleiche wie der König im Märchen: Wir laden die dreizehnte weise Frau nicht ein. Wir laden die Weiblichkeit nicht in unser Leben ein, wir räumen ihr keinen Platz
ein, und wir nähren sie nicht. Wir lassen sie nicht am Fest unseres Lebens teilhaben, sondern schließen sie aus.
Sehen wir uns an, was uns das Märchen vom Fortgang der Geschichte berichtet.
Eine Katastrophe bahnt sich an. Die weisen Frauen bedenken eine nach der anderen das Königskind mit guten Wünschen, da erscheint plötzlich die nicht geladene dreizehnte weise Frau, um sich zu rächen, und ruft mit lauter Stimme: „…die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Weiter heißt es: „Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie ‚es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“

Darauf reagiert der König pragmatisch und lässt alle Spindeln im Königreich verbrennen, nach dem Motto, wenn es keine Spindel mehr gibt, dann kann mein Kind dadurch auch nicht mehr getötet werden. Doch er erkennt nicht seinen grundsätzlichen Fehler, und darum wird ihm diese Maßnahme nicht viel nützen.
Seine Vorgehensweise bringt genauso wenig, wie wenn man im Auto das leuchtende Warnlämpchen herausschraubt, das darauf hinweist, dass Öl nachgefüllt werden muss.
Sein eigentlicher Fehler war, die dreizehnte Frau nicht eingeladen zu haben, mit anderen Worten der Ausschluss des weiblichen Lebensprinzips. Und das wird sich rächen, nämlich so, wie es die weise Frau vorausgesagt hat: Die Königstochter, und das heißt das Weibliche, wird sterben.
Doch es ist kein wirklicher Tod. Alles, was verdrängt wird, behält seine Kraft, auch wenn es nicht mehr sichtbar ist.
Das Märchen sagt uns Folgendes: Wer eine gewisse Zeit – fünfzehn Jahre sind es in der Geschichte – einseitig nur die männliche Seite lebt, kommt irgendwann an den Punkt, an dem es so nicht mehr weitergeht. Er wird verletzt. Und nun braucht es einen weiteren Zeitraum – hundert Jahre sind es im Märchen, bis die Chance besteht, die Einseitigkeit wieder auszugleichen und damit die Verletzung zu heilen.
Was bedeuten die Zahlen? Fünfzehn setzt sich zusammen aus der Fünf und der Zehn, einer Halbheit und der Vollkommenheit. Ist die männliche halbe Phase um, so muss nun die andere Phase folgen, damit die Einheit wieder hergestellt werden kann. Mit der Fünfzehn beginnt erneut die Entwicklung, die aus einer Halbheit wieder eine Ganzheit macht. Damit drückt diese Zahl ein weibliches Prinzip aus, das ja gerade diese Aufgabe hat: Unzulänglichkeiten, Halbheiten zu erkennen, sie auszuräumen und wieder die Vollkommenheit, die göttliche Ordnung herzustellen.

Und die hundert Jahre? Die Hundert ist wie die Zehn ein Symbol der Einheit, und zwar in ihrer höchsten Vollendung. Während des Schlafes wird eine unbewusste weibliche Phase ablaufen. Sie wird so viel Weiblichkeit ins Leben bringen, wie bisher Männlichkeit vorhanden war. Dann stehen sich zwei gleich große Teile gegenüber, die männliche und die weibliche Seite.
Wir erfahren durch das Märchen nicht nur, dass ein Mensch, wenn er sich zu lange einseitig männlich verhält, verletzt wird, sondern wir erfahren auch, woran er sich verletzt. Das zeigt uns die Spindel. Und die steht für unser innerstes Wesen, für den göttlichen Kern in uns, den Funken, der uns erst leben lässt. Lebt ein Mensch zu lange einseitig in einer männlichen Lebensausrichtung, dann gerät er irgendwann dramatisch aus dem Gleichgewicht. Sein innerstes Wesen hält diesen Zustand nicht länger aus.
Eine einseitige männliche Ausrichtung heißt, er ist nach außen orientiert. Er interessiert sich für alles, was draußen in der Welt geschieht, sei es Wirtschaft, Politik usw. Für den Urlaub plant er Fernreisen und abends liest er, was in der Welt passiert ist, oder er schaut fern. Er ist gedanklich mit allem befasst, nur nicht mit sich selbst. Doch diese Ausrichtung kann wie das Einatmen nicht unaufhörlich stattfinden, denn damit entfernen wir uns von uns selbst. Die Brücke, die zu unserem Kern aufrechterhalten werden muss, wird zu lang, und irgendwann schreit unser Innerstes auf, denn wir drohen die Verbindung zu dem, woraus sich unser Leben speist, zu verlieren. Das ist der Punkt an dem sich, wie die dreizehnte Frau es vorausgesagt hat, die Königstochter an der Spindel sticht. Der äußerste Punkt, der zur Umkehr zwingt, ist erreicht.
Wenn Männer an diesem Punkt angelangt sind, sehnen sie sich nach einer Frau und fühlen sich insbesondere zu einer weiblichen Frau hingezogen. Wenn eine Frau, die primär in einer männlichen Lebensausrichtung lebt, an diesen Punkt kommt, dann fühlt sie sich leer, ausgebrannt und zerrissen. Was sie braucht, ist, sich wieder mit ihrem innersten Wesen, ihrem göttlichen Kern in Einklang zu bringen.
Doch in Kontakt mit diesem Kern zu kommen, ist gar nicht so leicht möglich: Im Märchen lässt der König alle Spindeln kurzerhand verbrennen. Übersetzt heißt das: Das innerste Wesen ist wie verbrannt. Aus Sicht des Königs ist das durchaus zu verstehen, denn bei einer männlichen Lebensausrichtung ist die Spindel auch nicht nötig.
An dem Tag, als die Königstochter gerade fünfzehn Jahre alt ist – der Zauberspruch der weisen Frau ist längst vergessen –, entdeckt sie oben im Turm eine kleine Stube, darin sitzt eine alte Frau und spinnt ihren Flachs. Das Mädchen tritt ein, begrüsst das alte Mütterchen und interessiert sich sogleich für die Spindel: „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“
Trotz aller Vorkehrungen des Vaters ist doch eine Spindel übrig geblieben, und die hat die Königstochter nun entdeckt. Sie musste sie entdecken, um zur Frau heranzureifen, darum hat sie, wenngleich unbewusst, danach gesucht. Sie hat Stuben und Kammern besehen, wie sie Lust hatte, so sagt das Märchen. Unser innerstes Wesen lässt sich nicht vollständig ausmerzen, ein Funke bleibt, und der rückt jetzt, da es an der Zeit ist, ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Dem Mädchen fällt auf, dass da etwas ist, was so lustig herumspringt, und sie hat damit das, wofür die Spindel steht, treffend beschrieben: Unser Wesen ist reine Lebensenergie, sie entfaltet Lust, Freude und Lebendigkeit.
Idealerweise sollte eine Frau die Möglichkeit haben, mit diesem erstmaligen Aufmerksamwerden auf sich selbst, auf ihr innerstes Wesen, in eine weibliche Phase einzutreten. Dazu muss sie aber ihre aktuellen Lebensbedingungen immer wieder mit sich selbst abgleichen. Sind diese so, dass sie die innere Lebendigkeit nicht nur nicht stören, sondern sie fördern? Kann eine Frau ihre tiefste Energie verströmen? Lebt sie im Kontakt mit sich selbst? Eine Arbeit, die dieses höhere Ziel verfolgt, ist weibliche Arbeit. Doch die Königstochter wuchs in einer Gesellschaft auf, in der diese Arbeit nicht nur nichts galt, sondern gar nicht bedacht wurde. Die Konsequenz für uns ist: Wir erkranken an unserem Wesen. Ein Nichtbeachten der weiblichen Seite verletzt uns und macht uns krank.
So geht der Zauberspruch in Erfüllung. Die Königstochter sticht sich an der Spindel und fällt in einen tiefen Schlaf. Und mit ihr der ganze Hofstaat.

Was hat dieser tiefe Schlaf zu bedeuten?
Wenn wir aus welchen Gründen auch immer unsere weibliche Seite nicht leben – das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen –, so schlafen wir. Denn es ist wie gesagt der weibliche Anteil, der uns nach innen schauen lässt. Damit werden wir auf uns selbst und auf unsere Bedürfnisse aufmerksam und können prüfen, ob unsere Lebensbedingungen dem entsprechen. Wir werden uns unserer selbst bewusst. Findet dieser Prozess nicht statt, dann schlafen wir.
Folgerichtig versinkt nun der ganze Hofstaat in diesen Schlaf: Der König und die Königin, die Täubchen, sogar die Fliegen an der Wand schlafen. Im Märchen heißt es: „… ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr.“
Das sagt uns: Alle vier Elemente – Feuer, Erde, Wasser und Luft – werden still und schlafen ein. Das Feuer des Lebens, der Antrieb, Geschäfte zu machen, seinen Braten in die Röhre zu schieben, wie man sagt, versiegt. Wir haben keinen Wind mehr unter den Flügeln, sondern unser Leben wird langweilig und still. Das ist leicht verständlich, denn wo Weiblichkeit nicht leben kann, kann auch Männlichkeit nicht existieren, analog zum elektrischen Strom: Nimmt man den Pluspol weg, so gibt es auch keinen Minuspol. Strom kann nicht mehr fließen. Die Energie, die Leben pulsieren lässt, versiegt.
Im Märchen hören wir nun: „Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward …“
Wenn die Weiblichkeit schläft, gibt es niemanden mehr, der dafür sorgt, dass die Welt mit den Bedürfnissen der Menschen übereinstimmt. Denn das ist ja gerade ihre wichtigste Aufgabe: dafür zu sorgen, dass mangelhafte Zustände erkannt und überwunden werden, um einen Einklang wiederherzustellen. Aus der so entstandenen Verbindung mit dem innersten göttlichen Kern kann man sich um eine äußere Ordnung bemühen, die der inneren Vollkommenheit entspricht. Der Kelch muss immer wieder gefüllt werden. Wird diese Aufgabe nicht mehr erledigt, so kommt immer mehr Mangel auf, und Menschen geraten in Not. Das Leben wird dornig. Die Welt wird zu einem unwirtlichen, lebensfeindlichen Ort.
Die Dornenhecke ist ein unbewusster Aspekt der Weiblichkeit, den C. G. Jung Schatten nennt. Alles, was unterdrückt oder negiert wird, verschwindet nicht, sondern bildet einen Schatten. Das heißt, das, was ich nicht in mein Leben lasse, aber von Natur aus brauche, wird sich unbemerkt in mein Leben schleichen – jedoch in verzerrter, negativer Form.
Sperren wir die weibliche Seite aus unserem Leben aus, so wird ein unbewusster Aspekt der Weiblichkeit wachsen, und das ist das, was im Märchen mit der Dornenhecke gemeint ist.

Zum Verständnis ein Beispiel: In den letzten Jahrzehnten waren vielen Menschen Freiheit und Unabhängigkeit wichtig. Im Rahmen dieser Tendenz wurden Familien brüchig, die Emanzipation wurde zu einer breiten Bewegung. Diese einseitige Ausrichtung lässt zunächst unmerklich, dann immer deutlicher einen Schatten wachsen, eine Dornenhecke. Allmählich wird uns schmerzhaft bewusst, dass wir in vielen Lebensbereichen doch abhängig sind, schließlich ist es nicht möglich, solche Themen vollständig aus dem Leben zu verbannen. Wenn wir uns mit großer Vehemenz dafür einsetzen, unabhängig zu sein, dann werden sich Situationen in unserem Leben einstellen, in denen wir mit der gleichen Vehemenz unsere Abhängigkeit spüren. Sei es dass Computer ausgerechnet dann versagen, wenn wir einen wichtigen Termin einhalten müssen, oder dass unser Flug gestrichen wird, auch wenn wir es uns eigentlich nicht leisten können zu fehlen, oder dass der Strom ausfällt oder das Öl teurer wird usw.
Jetzt können wir verstehen, was mit der wachsenden Dornenhecke gemeint ist, die am Ende alles überwuchert: Wir bekommen es mit immer mehr Widrigkeiten und Schwierigkeiten zu tun, die allmählich das Gute, das wir in unserem Leben erreicht haben, immer mehr überwuchern.
Unsere männliche Lebensausrichtung hat viel Neues hervorgebracht, neue Unternehmen, neue Produkte, neue Berufszweige, eine sich rasant entwickelnde Welt, wir sagen: einen Wirtschaftsboom. Der, wenn er zu lange anhält, allerdings nicht mehr als positiv zu bewerten ist. Wenn alles boomt, wird die Welt immer undurchdringlicher und kann immer schlechter durchschaut werden.
Menschen verstricken sich im Dickicht unüberschaubarer Informationen. Sie können darin hängen bleiben und zugrunde gehen, eben wie in einer Dornenhecke.
Wird Kultur nicht mehr gepflegt, so wird sie gröber und einfacher. Durch mangelnde Fürsorge werden Menschen roher, gewalttätiger. Es wächst die Unsicherheit, und die Lebensqualität nimmt ab. Die Welt wird ein unbequemer, unsicherer Ort.
Auch Partnerschaften leiden. Im Märchen können die Jünglinge nicht zu der Königstochter, die fortan Dornröschen heißt, vordringen, „… denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes.“
Übersetzen wir dieses Bild, so sind Männer zwar auf der Suche nach einer Frau, sie können sich auch verlieben, aber zueinander finden können die beiden nicht. In der Realität fühlt sich ein Mann bei einer Frau, deren Weiblichkeit schläft, wie von einer Dornenhecke festgehalten und gefesselt. Seine Urangst, von der Frau verschlungen zu werden, wird übermächtig. Die Frau hingegen vermisst Nähe.
Es besteht folgende Entsprechung: So wenig eine Frau zu sich selbst, zu ihrem innersten Kern vordringen kann, so wenig kann ein Mann zu ihr vordringen.
Beides bedingt sich.
Um eine glückliche Partnerschaft führen zu können, braucht eine Frau Zeit und Ruhe, so dass sie immer wieder ihre Mitte finden und einen Einklang mit sich und der Welt herstellen kann. Es ist die Voraussetzung für Nähe und Verbundenheit.
Das Märchen berichtet uns, dass die Dornenhecke wuchs, „… endlich das ganze Schloss umzog und darüber hinauswuchs, dass gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach“.
Dieses Bild sagt überdeutlich, was geschieht, wenn wir einseitig nur die männliche Fahne hochhalten. Wir beschwören damit dickste Schwierigkeiten herauf, vor denen wir früher oder später kapitulieren müssen. Eine einseitig männliche Lebensausrichtung lässt sich von niemandem auf Dauer aufrechterhalten.
Mit dem Überwuchern der Fahne auf dem Dach ist die maximale Spannung zwischen Männlich und Weiblich erreicht. Das Leben ist eine Zerreißprobe.
Insbesondere Frauen spüren diese Spannung. Denn einerseits haben sie häufig keine andere Wahl und müssen genauso ihre Karriere verfolgen und nach draußen gehen wie ihre männlichen Kollegen auch. Doch andererseits fühlen sie tief in ihrem Inneren das schlafende Dornröschen. Sie spüren immer dringender die Notwendigkeit, sich nach innen zu wenden und aufmerksam auf sich selbst zu werden. Bei manchen Frauen, die mit viel Engagement berufliche Ziele verfolgen, meldet sich plötzlich der sehnliche Wunsch, sich fallen zu lassen.
Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger als zu sich selbst zu kommen und wieder mit sich eins zu werden und somit die innere Zerrissenheit wieder zu heilen. Um wieder in einen weiblichen Rhythmus zu kommen, muss eine Frau diesen Schritt wagen.
Diese Dynamik verrät uns bereits der Name Dornröschen. Die Dornen bezeichnen, wie wir nun wissen, alles Mangelhafte, nicht Vollkommene des Lebens.
Die Rose hingegen ist ein Symbol für die Liebe und steht für Einheit und Vollkommenheit.
Damit verrät uns der Name Dornröschen dasselbe über das Wesen der Weiblichkeit, wie wir es bereits in den Jahreszahlen Fünf und Zehn kennengelernt haben. Er bezeichnet die Kraft, Unvollkommenheiten, Halbheiten des Lebens zu überwinden, indem zwei Hälften zusammengefügt werden. Womit dann die Hundert, die Einheit oder, wie der Name es sagt, die Rose entsteht. Die Kraft, die notwendig ist, um Gegensätzliches zusammenzubringen, heißt Liebe und das ist die besondere Aufgabe der Frau.
Es ist nicht zufällig, dass der Name Dornröschen im Märchen das erste Mal in der größten Verwüstung genannt wird, wenn die Dornen, also die Schwierigkeiten, das ursprünglich strahlende Schloss völlig unter sich begraben haben: Das Wort Dornröschen steht für einen Anfang, der genau zu dieser Zeit beginnt. Wir ahnen, welcher Anfang gemeint ist, wenn wir das Gesamtbild auf uns wirken lassen. Dann sehen wir eine Dornenhecke als äußere Schale, darin befindet sich wie ein Kern das Schloss und hierin wiederum verborgen wie ein Keim das schlafende Dornröschen. Das Weibliche birgt in sich das Männliche, und darin gibt es den weiblichen Keim. Nun wartet dieser Keim auf einen männlichen Impuls, auf die Befruchtung, mit der ein neuer Lebenszyklus beginnen kann.
„Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte.“
An diesem Punkt der dichtesten Dornenhecke bzw. der maximalen Unvollkommenheit, geschieht ein Wunder: „Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch …“
Jetzt ist alles anders. Waren vorher die Dornen undurchdringlich, so ist das kennzeichnende Merkmal dieses Bildes die Öffnung, auch ausgedrückt durch die Blumen.
Dass die Dornenhecke die gleiche Höhe erreicht hat wie die Spitze des Schlosses, bedeutet: Sind die Schwierigkeiten und Widrigkeiten des Lebens so hoch angewachsen wie die Ziele, die mit der männlichen Lebensausrichtung angestrebt wurden, wandeln sich die Dornen in Blumen. Wir öffnen uns, und der Prinz kann zu uns vordringen. Der Prinz steht für das männlich-geistige Prinzip. Mit anderen Worten, ist das Maß unserer Schwierigkeiten voll, so geschieht an diesem Punkt eine Wandlung durch einen geistig energetischen Impuls. Dieser bewirkt gleichzeitig den Schritt zu mehr Bewusstheit. Wir werden wach.
Dornröschen schlägt die Augen auf.
Der Prinz gibt Dornröschen einen Kuss. Er steht als Symbol für die Vereinigung von Gegensätzen und damit für die Liebe. Männliches und Weibliches sind eins geworden. Ziele, die wir angestrebt haben, und die Widrigkeiten, denen wir standhalten mussten, haben sich relativiert und schließlich aufgelöst.
Und die Moral von der Geschicht? Die männliche und die weibliche Seite des Lebens müssen mit gleicher Kraft gelebt werden. Wird die weibliche Seite vernachlässigt, so wächst die dornige Seite des Lebens. Wer sich hingegen immer wieder darum bemüht, Einheit mit sich selbst und Liebe in seinem Leben herzustellen, dessen Leben wird ohne dornige Wegstrecke auskommen. Oder kurz: Vergesst den dreizehnten goldenen Teller nicht!

Schneewittchen

Es war einmal mitten im Winder, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzen Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schneeaufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich „hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.” Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin. Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin.Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”
so antwortete der Spiegel„

Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.”

Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit sagte. Sneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner und als es sieben Jahre alt war, war es so schön wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”

so antwortete er

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.”

Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so haßte sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach „bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.” Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und sprach „ach, lieber Jäger, laß mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heim kommen.” Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleid und sprach „so lauf hin, du armes Kind.” „Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben,” dachte er, und doch wars ihm, als wär ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade ein junger Frischling dahergesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus, und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch mußtesie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf und meinte, sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.
Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelig allein, und ward ihm so angst, daß es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wußte, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, solange nur die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist. Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein, und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Sneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war: und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein.
Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sic zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie, daß jemand darin gewesen war, denn es stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach „wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?” Der zweite „wer hat von meinem Tellerchen gegessen?” Der dritte „wer hat von meinem Brötchen genommen?” Der vierte „wer hat von meinem Gemüschen gegessen?” Der fünfte „wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?” Der sechste „wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?” Der siebente „wer hat aus meinem Becherlein getrunken?” Dann sah sich der erste um und sah, daß auf seinem Bett eine kleine Delle war, da sprach er „wer hat in mein Bettchen getreten?” Die andern kamen gelaufen und riefen „in meinem hat auch jemand gelegen.” Der siebente aber, als er in sein Bett sah, erblickte Sneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen herbeigelaufen, und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Sneewittchen. „Ei, du mein Gott! ei, du mein Gott!” riefen sie, „was Ist das Kind so schön!‘ und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.
Als es Morgen war, erwachte Sneewittchen, und wie es die sieben Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten „wie heißt du?” „Ich heiße Sneewittchen,” antwortete es. „Wie bist du in unser Haus gekommen?” sprachen weiter die Zwerge. Da erzählte es ihnen, daß seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär es gelaufen den ganzen Tag, bis es indlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen „willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.” „Ja,” sagte Sneewittchen, „von Herzen gern,” und blieb hei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ordnung: morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, abends kamen sie wieder, und da mußte ihr Essen bereit sein. Den Tag über war das Mädchen allein, da warnten es die guten Zwerglein und sprachen „hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, daß du hier bist; laß ja niemand herein.”
Die Königin aber, nachdem sie Sneewittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte nicht anders, als sie wäre wieder die erste und Allerschönste, trat vor ihren Spiegel und sprach

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”

da antwortete der Spiegel

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.”

Da erschrak sie, denn sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte, daß der Jäger sie betrogen hatte und Sneewittchen noch am Leben war. Und da sann und sann e aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn solange sie nicht die Schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht, und kleidete sich wie eine alte Krämerin, und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief „schöne Ware feil!” Sneewittchen guckte zum Fenster heraus und rief „guten Tag, liebe Frau, was habt Ihr zu verkaufen?”
„Gute Ware, schöne Ware”, antwortete sie, „Schnürriemen von allen Farben,” und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. „Die ehrliche Frau kann ich hereinlassen,” dachte Sneewittchen, riegelte die Türe auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen. „Kind,” sprach die Alte, „wie du aussiehst! komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren.” Sneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie, und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren: aber die Alte schnürte geschwind und schnürte so fest, daß dem Sneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel. „Nun bist du die Schönste gewesen,” sprach sie und eilte hinaus.
Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus, aber wie erschraken sie, als sie ihr liebes Sneewittchen auf der Erde liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, daß es zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei: da fing es an ein wenig zu atmen, und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie „die alte Krämerfrau war niemand als die gottlose Königin: hüte dich und laß keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.” Das böse Weib aber, nachdem es nach Hause gekommen war, ging vor den Spiegel und fragte

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”

Da antwortete er wie sonst

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausenmal schöner als Ihr.”

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie, denn sie sah wohl, daß Sneewittchen wieder lebendig geworden war. „Nun aber,” sprach sie, „will ich etwas aussinnen, das dich zugrunde richten soll,” und mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines andern alten Weibes an. So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief „gute Ware feil!” Sneewittchen schaute heraus und sprach „geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen.” „Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein,” sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, daß es sich betören ließ und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte „nun will ich dich einmal ordentlich kämmen.”
Das arme Sneewittchen dachte an nichts, und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. „Du Ausbund von Schönheit,” sprach das boshafte Weib, „jetzt ists um dich geschehen,” und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Haus kamen. Als sie Sneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht, suchten nach, und fanden den giftigen Kamm, und kaum hatten sie ihn herausgezogen, so kam Sneewittchen wieder zu sich und erzählte, was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal, auf seiner Hut zu sein und niemand die Türe zu öffnen.

Die Königin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”

Da antwortete er wie vorher

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Sneewittchen über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.”

Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. „Sneewittchen soll sterben,” rief sie, „und wenn es mein eignes Leben kostet.” Darauf ging sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, daß jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon aß, der mußte sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Sneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus und sprach „ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben mirs verboten.” „Mir auch recht,” antwortete die Bäuerin, „meine Apfel will ich schon los werden. Da, einen will ich dir schenken.” „Nein,” sprach Sneewittchen, „ich darf nichts annehmen.” „Fürchtest du dich vor Gift?” sprach die Alte, „siehst du, da schneide ich den  Apfel in zwei Teile; den roten Backen iß du, den weißen will ich essen.” Der Apfel war aber so künstlich gemacht, daß der rote Backen allein vergiftet war. Sneewittchen lusterte den schönen Apfel an, und als es sah, daß die Bäuerin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete die Königin mit grausigen Blicken und lachte überlaut und sprach „weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.” Und als sie daheim den Spiegel befragte‚

Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?‘

da antwortete er endlich

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.”

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.
Die Zwerglein, wie sie abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der Erde liegen, und es ging kein Atem mehr uns seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf, suchten, ob sie was Giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen „das können wir nicht in die schwarze Erde versenken,” und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, daß man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und daß es eine Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.
Nun lag Sneewittchen lange lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß als Schnee, so rot als Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, da zu über nachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Sneewittchen darin, und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen „last mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.” Aber die Zwerge antworteten „wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.” Da sprach er „so schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Sneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes.” Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, daß sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der giftige Apfelgrütz, den Sneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe, und richtete sich auf, und war wieder lebendig. „Ach Gott, wo bin ich?” rief es. Der Königssohn sagte voll Freude „du bist bei mir,” und erzählte, was sich zugetragen hatte, und sprach „ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden.” Da war ihm Sneewittchen gut und ging mit Ihm, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.

Zu dem Fest wurde aber auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?”

Der Spiegel antwortete

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.”

Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, daß sie sich nicht zu lassen wußte. Sie wollte Zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen: doch ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Snecwittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und
wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

loredum

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Hänsel und Gretel

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau „was soll aus uns werden? wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?” „Weißt du was, Mann,” antwortete die Frau, „wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein.Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.” „Nein, Frau,” sagte der Mann, „das tue ich nicht; wie sollt ichs übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen, die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.” „0 du Narr,” sagte sie, „dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln,” und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. „Aber die armen Kinder dauern mich doch,” sagte der Mann.
Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel‚ nun ists um uns geschehen.” „Still, Gretel,” sprach Hänsel, „gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.” Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte soviel in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging erwieder zurück, sprach zu Gretel „sei getrost, liebes Schwesterlein, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen,” und legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder, „steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.” Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach „da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßts nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.” Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hansel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach‚ Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht.” „Ach, Vater,” sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.” Die Frau sprach „Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.” Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater „nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.” Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau „nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.”
Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte, und den der Wind hin- und herschlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach „wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!” Hänsel aber tröstete sie, „wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen dann wollen wir den Weg schon finden.” Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel war, sprach sie „ihr bösen Kinder, was habt ihr solange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wiederkommen.” Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach „alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.” Dem Mann fiels schwer aufs Herz und er dachte „es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest.” Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß auch B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen wie das vorigemal, aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach „weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gottwird uns schon helfen.”
Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige mal. Auf dem Wege nach dem Wald brökkelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. „Hänsel, was stehst du und guckst dich um,” sagte der Vater, „geh deiner Wege.” „Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen” „antwortete Hänsel. „Narr,” sagte die Frau, „das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.” Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte „bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen: wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.” Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finsteren Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte „wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.” Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel „wir werden den Weg schon finden,” aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.
Nun wars schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. „Da wollen wir uns dran machen,” sprach Hänsel, „und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.” Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knuperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus

„knuper, knuper, kneischen,
wer knupert an meinem Häuschen?”

Die Kinder antworteten

„der Wind, der Wind, das himmlische Kind,”

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach‚ „ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.” Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Apfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung, wie die Tiere, und merkens, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch „die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.” Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sich vor sich hin „das wird ein guter Bissen werden.” Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein: er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zu Gretel, rüttelte sie wach und rief „steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.” Gretel fing an bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief „Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.” Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen, und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. „Heda, Gretel,” rief sie dem Mädchen zu, „sei flink und trag Wasser: Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.” Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! „Lieber Gott, hilf uns doch” „rief sie aus, „hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.” „Spar nur dein Geblärre,” sagte die Alte, „es hilft dir alles nichts.”
Frühmorgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. „Erst wollen wir backen,” sagte die Alte, „ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet!” Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen. „Kriech hinein,” sagte die Hexe, „und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschießen können.” Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sies auch aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach „ich weiß nicht, wie ichs machen soll; wie komm ich da hinein?” „Dumme Gans,‘ “sagte die Alte” „die Offnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,” krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen.Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu, da fing sie an zu heulen, ganz grauselig; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief „Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot!” Da sprang Hänsel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. „Die sind noch besser als Kieselsteine,” sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte „ich will auch etwas mit nach Haus bringen,” und füllte sich sein Schürzchen voll. „Aber jetzt wollen wir fort,” sagte Hänsel, „damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.” Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. „Wir können nicht hinüber,” sprach Hänsel, „ich seh keinen Steg und keine Brücke.” „Hier fährt auch kein Schiffchen,” antwortete Gretel, „aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.” Da rief sie.

„Entchen, Entchen,
da steht Gretel und Hansel.
Kein Steg und keine Brücke,
nimm uns auf deinen weißen Rücken.”

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und hat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. „Nein,” antwortete Gretel, „es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.” Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seit dem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.

loredum

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Schneeweißchen und Rosenrot

Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen: und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel: Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, sooft sie zusammen ausgingen: und wenn Schneeweißchen sagte „Wir wollen uns nicht verlassen“, so antwortete Rosenrot „So lange wir leben, nicht“, und die Mutter setzte hinzu „Was das eine hat, solls mit dem andern teilen.“ Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten. Kein Unfall traf sie: wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte ihrentwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem weißen glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen, und wären gewiß hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weiter gegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.
Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so reinlich, daß es eine Freude war hineinzuschauen. ImSommer besorgte Rosenrot das Haus und stellte der Mutterjeden Morgen, ehe sie aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den Kessel auf den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter „Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor,“ und dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.
Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach „Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.“ Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Türe hereinstreckte. Rosenrot schrie laut und sprang zurück: das Lärnmden blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte „Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen.“ „Du armer Bär,“ sprach die Mutter, „leg dich ans Feuer, und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt.“ Dann rief sie „Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meints ehrlich.“ Da kamen sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach‚ „Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk,“ und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein: er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten das Fell mit den Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, lachten sie. Der Bär ließ sichs aber gerne gefallen, nur wenn sies gar zu arg machten, rief er „Laßt mich am Leben, ihr Kinder:

Schneeweißchen, Rosenrot,
schlägst dir den Freier tot.“

Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Bär „Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.“ Sobald der Tag graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, so viel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell angelangt war.
Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der Bär eines Morgens zu Schneeweißchen „Nun muß ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen.“ „Wo gehst du denn hin, lieber Bär?“ fragte Schneeweißchen. „Ich muß in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten: im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten, aber jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen was einmal in ihren Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht.“ Schneeweiß-chen war ganz traurig über den Abschied, und als es ihm dieTüre aufriegelte, und der Bär sich hinausdrängte, blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf, und und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen: aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war bald hinter den Bäumen verschwunden.
Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten verwelkten Gesicht und einem ellenlangen schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie „Was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?“ „Was hast du angefangen, kleines Männchen?“ fragte Rosenrot. „Dumme neugierige Gans,“ antwortete der Zwerg, „den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!“ Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. „Ich will laufen und Leute herbeiholen,“ sagte Rosenrot. „Wahnsinnige Schafsköpfe,“ schnarrte derZwerg, „wer wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?“ „Sei nur nicht ungeduldig,“ sagte Schneeweißchen, „ich will schon Rat schaffen,“ holte sein Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des Baumes steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte vor sich hin „Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinemstolzen Barte ab! Lohns euch der Kuckuck!“ Damit schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur noch einmal anzusehen.
Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zuhüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. „Wo willst du hin?“ sagte Rosenrot, „du willst doch nicht ins Wasser?“ „Solch ein Narr bin ich nicht,“ schrie der Zwerg, „seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen!“ Der Kleine hatte da gesessen und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten: als gleich darauf ein großer Fisch anbiß, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen: der Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den Bewegungen des Fisches folgen, und war in beständiger Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest und versuchten den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig, als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an „Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den Meinigen garnicht sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!“ Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort und verschwand hinter einem Stein.
Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit seiner kreischenden Stimme „Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und täppisches Gesindel, das ihr seid!“ Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen, überraschten sie den Zwerg, der auf einem rein-lichen Plätzchen seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, daß die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. „Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!“ schrie der Zwerg, und sein aschgraues Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mitseinen Scheltworten fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf, aber er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst „Lieber Herr Bär, verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet, die schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr an mir kleinem schmächtigen Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den Zähnen: da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen.“ Der Bär kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit derTatze, und es regte sich nicht mehr.
Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach „Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen.! Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand da als ein schöner Mann, und war ganz in Gold gekleidet. „Ich bin eines Königs Sohn,“ sprach er ,‚und war von dem gottlosen Zwerg, der mir meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine wohlverdiente Strafe empfangen.“
Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder, und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seine Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.

loredum

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Von dem Fischer und seiner Frau

Von dem Fischer un syner Fru

Dar wöör maal eens en Fischer un syne Fru, de waanden tosamen in‘n Pißputt, dicht an der See, un de Fischer güng alle Dage hen un angeld: un he angeld un angeld.
So seet he ook eens by de Angel und seeg jümmer in das blanke Water henin: un he seet un seet.
Do güng de Angel to Grund, deep ünner, un as he se heruphaald, so haald he enen grooten Butt heruut. Do säd de Butt to em „hör mal, Fischer, ik bidd dy, laat my lewen, ik bün keen rechten Butt, ik bün‘n verwünschten Prins. Wat helpt dy dat, dat du my doot maakst? i würr dy doch nich recht smecken: sett my wedder in dat Water un laat my swemmen.” „Nu,” säd de Mann, „du bruukst nich so veel Wöörd to maken, eenen Butt, de spreken kann, hadd ik doch wol swemmen laten.” Mit des sett‘t he em wedder in dat blanke Water, do güng de Butt to Grund und leet enen langen Strypen Bloot achter sik. So stünn de Fischer up un güng nach syne Fru in‘n Pißputt.
„Mann,” säd de Fru, „hest du hüüt niks fungen?” „Ne,” säd de Mann, „ik füng enen Butt, de säd, he wöör en verwünschten Prins, da hebb ik em wedder swemmen laten.” „Hest du dy denn niks wünschd?‘ söd de Fru. „Ne,” säd de Mann, „wat schull ik my wünschen?” „Ach,” säd de Fru, „dat is doch äwel, hyr man jümmer in‘n Pißputt to waanen, dat stinkt un is so eeklig: du haddst uns doch ene lüttje Hütt wünschen kunnt. Ga noch hen un roop em: segg em, wy wählt ne lüttje Hütt hebben, he dait dat gewiß.” ‚Ach,‘ säd dc Mann, ‚wat schull ich door noch hengaan?‘ „I,” sad de Fru, „du haddst em doch fungen, un hest em wedder swemmen laten, he dait dat gewiß. Ga glyk hen.” De Mann wull noch nicht recht, wull awerst syn Fru ook nicht to weddern syn un güng hen na der See.
As he door köhm, wöör de See ganß gröon un geel un goor nich mee so blank. So güng he staan und säd

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.”

Do köhm de Butt answemmen un säd „na, wat will se denn?” „Ach,” säd de Mann, „ik hebb di doch fungen hatt, nu säd myn Fru, ik hadd my doch wat wünschen schullt. Se mag nich meer in‘n Pißputt wanen, se wull geern ‚ne Hütt.” „Ga man hen,” säd de Butt, „se hett se all.”
Do güng de Mann hen, un syne Fru seet nich meer in‘n Pißputt, dar stünn awerst ene lüttje Hütt, un syne Fru seet vor de Döhr up ene Bänk. Da nöhm syne Fru em by de Hand un säd to em „kumm man herin, süh, nu is dar doch veel beter.” Do güngen se henin, un in de Hütt was een lüttjen Vörplatz un ene lüttje herrliche Stuw un Kamer, wo jem eer Beed stünn, un Kääk un Spysekamer, allens up dat beste mit Gerädschoppen, un up dat schönnste upgefleyt, Tinntüüg un Mischen (Messing), wat sik darin höört. Un achter was ook en lüttjen Hof mit Hönern un Aanten, un en lüttjen Goorn mit Grönigkeiten un Aaft (Obst). „Süh,” säd de Fru, „is dat nich nett?” „Ja,” säd de Mann, ‚so schall‘t blywen, nu wähl wy recht vergnöögt lewen.” „Dat wähl wy uns bedenken,” säd de Fru. Mit des eeten se wat un güngen to Bedd.
So güng dat wol ‘n acht oder veertein Dag, do säd de Fru‚ „hör, Mann, de Hütt is ook goor to eng, un de Hof un de Goorn is so kleen: de Butt hadd uns ook wol een grötter Huus schenken kunnt. Ich much woll in enem grooten stenern Slott wanen: ga hen tom Butt, he schall uns en Slott schenken.” „Ach,Fru,” säd de Mann, „de Hütt is jo god noog, wat wähl wy in‘nSlott wanen.” „I wat,” säd de Fru, „ga du man hen, de Buttkann dat jümmer doon.” „Ne, Fru,” säd de Mann, „de Butt hett uns eerst de Hütt gewen, ik mag nu nich all wedder kamen, den Butt muchd et vördreten.” „Ga doch,” säd de Fru, „he kann dat recht good und dait dat geern; ga du man hen.” Dem Mann wöör syn Hart so swoor, un wull nich; he säd by sik sülwen „dat is nich recht,” he güng awerst doch hen.
As he an de See köhm, wöör dat Water ganß vigelett un dunkelblau un grau un dick, un goor nich meer so gröön un geel, doch wöör‘t noch still. Do güng he staan un säd

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.”

„Na wat will se denn?” säd de Butt. „Ach,” säd de Mann half bedrööft, „se will in‘n groot stenern Slott wanen.” „Ga man hen, se stait vör der Döhr,” säd de Butt.
Da güng de Mann hen un dachd, he wull na Huus gaan, as he awerst daar köhm, so stünn door ‘n grooten stenern Pallast, un syn Fru stünn ewen up de Trepp und wull henin gaan: do nöhm se em by de Hand und säd „kumm man herein.” Mit des güng he mit ehr henin, un in dem Slott wöör eine grote Dehl mit marmelstenern Asters (Estrich), und dar wören so veel Bedeenters, de reten de grooten Dören up, un de Wende wören all blank un mit schöne Tapeten, un in de Zimmers luter gollne Stöhl und Dischen, un krystallen Kroonlüchters hüngen an dem Bähn, un so wöör dat all de Stuwen und Kamers mit Footdeken: un dat Aten un de allerbeste Wyn stünn up den Dischen, as wenn se breken wullen. Un achter dem Huse wöör ook‘n grooten Hof mit Peerd- und Kohstall, un Kutschwagens up dat allerbeste, ook was door en grooten herrlichen Goorn mit de schönnsten Blomen un fyne Aaftbömer, un en Lustholt wol ‘ne halwe Myl lang, door wören Hirschen un Reh un Hasendrin un allens, wat man sik jümmer wünschen mag. „Na,” säd de Fru, ‚is dat nun nich schön?” „Ach ja,” säd de Mann, „so schallt‘t ook blywen, nu wähl wy ook in das schöne Siott wanen un wähl to freden syn.” „Dat wähl wy uns bedenken,” säd de Fru, „un wählen‘t beslapen.” Mit des güngen se to Bedd.
Den annern Morgen waakd de Fru to eerst up, dat was jüstl Dag, un seeg uut jem ehr Bedd dat herrliche Land vör sik liggen. De Mann reckd sik noch, do stödd se em mit dem Ellbagen in de Syd und säd „Mann, sta up un kyk mal uut dem Fenster. Süh, kunnen wy nich König warden äwer all düt Land? Ga hen tom Butt, wy wählt König syn.” „Ach, Fru,” säd de Mann, ‚wat wähln wy König syn! ik mag nich König syn.” „Na,”‚ säd de Fru, „wuit du nich König syn, so will ik König syn. Ga hen tom Butt, ik will König syn.” „Ach, Fru,” säd de Mann, ‚wat wullst du König syn? dat mag ik em nich seggen.” „Worum nich?” säd de Fru, „ga stracks hen, ik mutt König syn.” Do güng de Mann hen un wöör ganß bedröft, dat syne Fru König warden wull. „Dat is nich recht un is nicht recht,” dachd de Mann. He wull nich hen gaan, güng awerst doch hen.
Un as he an de See köhm, do wöör de See ganß swartgrau, un dar Water geerd so von ünnen up und stünk ook ganß fuul. Do güng he staan un säd

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wo! will.”

„Na wat will se denn?” säd de Butt. „Ach,” säd de Mann, „se will König warden.” „Ga man hen, se is‘t all,” sad de Butt.
Do güng de Mann hen, und as he na dem Pallast köhm, so wöör dat Slott veel grötter worren, mit enem grooten Toorn un herrlyken Zyraat doran: un de Schildwach stünn vor de Döhr, un dar wören so väle Soldaten un Pauken un Trumpeten. Un as he in dat Huus köhm, so wöör allens von purem Marmelsteen mit Gold, un sammtne Deken uts groote gollne Quasten. Do güngen de Dören von dem Saal up, door de ganße Hofstaat wöör, un syne Fru seet up enem hogen Troon von Gold und Demant, un hadd ene groote gollne Kroon up un den Zepter in der Hand von purem Gold un Edelsteen, un up beyden Syden by ehr stünnen ses Jumpfern in ene Reeg, jümmer ene enen Kops lüttjer as de annere. Do güng he staan und säd „ach, Fru, bust du nu König?” „Ja,” säd de Fru, „nu bün ik König.” Do stünn he und seeg se an, un as he do een Flach (eine Zeitlang) so ansehn hadd, säd he „ach, Fru” wat lett dat schöön, wenn du König büst! nu wähl wy ook niks meer wünschen.” „Ne, Mann,” säd de Fru un wöör ganß unruhig, „my waart de Tyd un Wyl al lang, ik kann dat nich meer uthollen. Ga hen tom Butt, König bün ik, nu mutt ik ook Kaiser warden.” „Ach, Fru,” säd de Mann, „wat wullst du Kaiser warden?” „Mann,” säd se, „ga tom Butt, ik will Kaiser syn.” „Ach, Fru,” säd de Mann, „Kaiser kann he nich maken, ik mag dem Butt dat nich seggen; Kaiser is man eenmal im Reich: Kaiser kann de Butt jo nich maken, dat kann un kann he nich.” „Wat,” säd de Fru, „ik bünn König, un du büst man myn Mann, wullt du glyk hengaan? glyk ga hen, kann he König maken, kann he ook Kaiser maken, ik will un will Kaiser syn; glyk ga hen.” Do mussd he hengaan. Do de Mann awer hengüng, wöör em ganß bang, un as he so güng, dachd he be sik „düt gait und gait nich good: Kaiser is to uutvörschaamt, de Butt wart am Ende möd.”
Mit des köhm he an de See, do wöör de See noch ganß swart un dick un füng al so von ünnen up to geeren, dat et so Blasen smeet, un et güng so em Keekwind äwer hen, dat et sik so köhrd; un de Mann wurr groen (grauen). Do güng he staanun säd

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Butt je in der see,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.”

„Na, wat will se denn?” säd de Butt. „Ach Butt,” säd he, „myn Fru will Kaiser warden.” „Ga man hen,” säd de Butt, ‘se is‘t all.”
Do güng de Mann hen, un as he door köhm, so wöör dat ganße Slott von poleertem Marmelsteen mit albasternen Figuren un gollnen Zyraten. Vör de Döhr marscheerden die Soldaten und se blösen Trumpeten und slögen Pauken un Trummeln: awerst in dem Huse, da güngen de Baronen un Grawen un Herzogen man so as Bedeenters herüm: do makten se ein de Düren up, de von luter Gold wören. Un as he herinköhm, door seet syne Fru up enem Troon, de wöör von een Stück Gold, un wöör wol twe Myl hoog: un hadd ene groote gollne Kroon up, de wöör dre Elen hoog un mit Briljanten un Karfunkelsteen beset‘t: in de ene Hand hadde se den Zepter un in de annere Hand den Reichsappel, un up beyden Syden by eer, door stünnen de Trabanten so in twe Regen, jümmer en lüttjer as de annere, von dem allergröttesten Rysen, de wöör twe Myl hoog, bet to dem allerlüttjesten Dwaark, de wöör man so grootas min lüttje Finger. Un vör ehr stünnen so vele Fürsten un Herzogen. Door güng de Mann tüschen staan und säd „Fru, büst du nu Kaiser?” „Ja,” säd se, „ik bün Kaiser.” Do güng he staan un beseeg se sik so recht, un as he se so‘n Flach ansehen hadd, so säd he „ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du Kaiser büst.” „Mann,” säd se, „wat staist du door? ik bün nu Kaiser, nu will ik awerst ook Paabst warden, ga hen tom Butt.” “Ach, Fru,” säd de Mann, „watt wulst du man nich? Paabst kannst du nich warden, Paabst is man eenmal in der Kristenhait, dat kann he doch nich maken.” „Mann,” säd se, „ik will Paabst warden, ga glyk hen, ik mutt hüüt noch Paabst warden.” „Ne, Fru,” säd de Mann, „dat mag ik em nich seggen, dat gait nich good, dat is to groff, tom Paabst kann de Butt nich maken.” „Mann, wat Snack!” sud de Fru, „kann he Kaiser maken, kann he ook Paabst maken. Ga foorts hen, ik bünn Kaiser, un du büst man myn Mann, wult du wol hengaan?” Do wurr he bang un güng hen, em wöör awerst ganß flau, un zitterd un beewd, un dce Knee un de Waden siakkerden em. Un dar streek so‘n Wind äwer dat Land, un de Wolken flogen, as dat düster wurr gegen Awend: de Bläder waiden von den Bömern, und dat Water güng un bruusd, as kaakd dat, un platschd an dat Aver, un von feern seeg he de Schepen, de schöten in der Noot, un danßden un sprüngen up den Bülgen. Doch wöör de Himmel noch so‘n bitten blau in de Midd, awerst an den Syden, door toog dat so recht rood up as en swohr Gewitter. Do güng he recht vörzufft (verzagt) staan in de Angst un säd

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.”

„Na, wat will se denn?” säd de Butt. „Ach,” säd de Mann, „se will Paabst warden.” „Ga man hen, se is‘t all,” säd de Butt.

Do güng he hen, un as he door köhm, so wöör dar as en groote Kirch mit luter Pallastens ümgewen. Door drängd he sik dorch dat Volk: inwendig was awer allens mit dausend un dausend Lichtern erleuchtet, un syne Fru wöör in luter Gold gekledet, un seet noch up enem veel högeren Troon, un hadde dre groote gollne Kronen up, un üm ehr dar wöör so veel von geistlykem Staat, un up beyden Syden by ehr, door stünnen twe Regen Lichter, dat gröttste so dick und groot as de allergröttste Toorn, bet to dem allerkleensten Käkenlicht; un alle de Kaisers un de Königen, de legen vör ehr up de Kne und küßden ehr den Tüffel. „Fru,” säd de Mann und seeg se so recht an, „büst du nun Paabst?” „Ja,” säd Se, „ik bün Paabst.” Do güng he staan un seeg se recht an, un dat wöör, as wenn he in de hell Sunn seeg. As he se do en Flach ansehn hadd, so segt he „ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du Paabst büst!” Se seet awerst ganß styf as en Boom, un rüppeld un röhrd sik nich. Do säd he „Fru, nu sy tofreden, nu du Paabst büst, nu kannst du doch niks meer warden.” „Dat will ik my bedenken,” säd de Fru. Mit des güngen se beyde to Bedd, awerst se wöör nich tofreden, un de Girighait leet se nich slapen, se dachd jümmer, wat se nochwarden wull.

De Mann sleep recht good un fast, he hadd den Dag veel lopen, de Fru awerst kunn goor nich inslapen, un smeet sik von en Syd to der annern de ganße Nacht un dachd man jümmer, wat se noch wol warden kunn, un kunn sik doch up niksmeer besinnen. Mit des wull de Sünn upgan, un as se dat Margenrood seeg, richt‘d se sik äwer End im Bedd un seeg door henin, un as se uut dem Fenster de Sünn so herup kamen seeg, „ha,” dachd se, „kunn ik nich ook de Sünn un de Maan upgaan laten?” „Mann,” säd se un stöd em mit dem Ellbagen in de Ribben, „waak up, ga hen tom Butt, ik will warden as de lewe Gott.” De Mann was noch meist in‘n Slaap, awerst he vörschrock sik so, dat he uut dem Bedd full. He meend, he hadd sik vörhöörd, un reef sik de Ogen ut un säd „ach, Fru, wat säd‘st du?” „Mann,” säd se, „wenn ik nich de Sünn un de Maan kan upgaanlawn, un mutt dat so ansehn, dat de Sünn mi dc Maan upgaan, ik kann dat nich uuthollen, un hebb kene geruhige Stünd meer, dat ik se nich sülwst kann upgaan Iaten.” Do seeg se em so recht gräsig an, dat em so‘n Schudder äwerleep. „Glyk ga hen, ik will warden as de lewe Gott.” „Ach, Fru,” säd de Mann, un füll vör eer up de Knee, „dat kann de Butt nich. Kaiser un Paabst kann he maken, ik bidd dy, sla in dy un blyf Paabst.” Do köhm se in de Booshait, de Hoor flögen eher so wild üm den Kopp, do reet se sik dat Lyfken up un geef em eens mit dem Foot un schreed „ik holl dat nich uut, un holl dat nich länger uut, wult du hengaan?” Do slööpd he sik de Büxen an un leep wech as unsinnig.

Buten awer güng de Storm, und bruusde, dat he kuum up de Föten staan kunn: de Huser un de Bömer waiden um, un de Baarge beewden, un de Felsenstücken rullden in de See, un de Himmel wöör ganß pickswart, un dat dunnerd un blitzd, un de See güng in so hoge swarte Bülgen as Kirchentöörn un as Baarge, un de hadden bawen alle ene witte Kroon von Schuum up. So schre he, un kun syn egen Woord nich hören,

„Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.”

„Na, wat will se denn?” säd de Butt. „Ach,” säd he, „se will warden as de lewe Gott.” „Ga man hen, se sin all weder in‘n Pißputt.”

Door sitten se noch bet up hüüt un düssen Dag.

loredum

loredum

loredum