Warum tragen wir eigentlich Kleidung? Bei über 30 Grad Hitze, wie heute, durchaus ein Grund, einmal darüber nachzudenken, denn um sich zu wärmen sicherlich nicht.

Klar, wir fühlen uns unwohl und verletzbar, wenn wir nackt den Blicken fremder Menschen ausgesetzt sind. Das Empfinden heißt Scham, und um das zu vermeiden, ziehen wir uns an, dem wird vermutlich jeder zustimmen.

Allerdings scheint sich die Schamgrenze in den letzten 100 Jahren erheblich verändert zu haben. Es soll Zeiten gegeben haben, da war ein bloßer Fußknöchel schon anzüglich. Heute haben die knappsten Shorts schon nichts Anzügliches mehr, und sogar ein blanker Busen regt kaum jemanden mehr auf. Die letzten 100 Jahre waren ein langer Siegeszug des freiheitlichen Denkens und Lebensgefühls, alles was einengte oder behinderte wurde über Bord geworfen, mit an vorderster Stelle die alte Kleiderordnung. Ein freies Lebensgefühl verträgt sich schlecht mit Korsagen und Bauchbinden.

Allerdings, was anzüglich ist, zieht auch an, was aufregt, regt auch an. Manchmal gibt es durchaus Situationen, in denen es wünschenswert ist, sich anziehen oder erregen zu lassen. Wenn durch das bloße Herzeigen eines Fußknöchels bereits Wünsche wahr werden können, so ist der Vorteil nicht von der Hand zu weisen. So einfach geht es heute eindeutig nicht mehr. Denn wieviele Menschen beklagen sich über die Schwierigkeit, einen Partner anzuziehen. Trotz der vielen Datingportale bleibt die Realität meist hinter der Hoffnung zurück. Es zündet beim Date häufig nicht. Die Anziehung fehlt. Sind wir vielleicht mit unserem Drang nach Freiheit, zumindest was die Kleidung angeht, etwas zu freizügig umgegangen und haben das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und haben mit dem Entrümpeln von allem, was einengt, die Anziehungskraft gleich mit verloren?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, wie denn Anziehung überhaupt entsteht. Wann wirkt ein Mensch anziehend? Gehen wir einmal davon aus, dass bereits die Worte es wissen, danach hat anziehend sein, etwas mit anziehen, also sich bekleiden zu tun. Das legt die Vermutung nahe, dass der, der sich anzieht, bei diesem Prozedere eine Eigenschaft gewinnt, nämlich anziehend zu werden. Ist das nun eine Wortspielerei oder ist vielleicht doch etwas dran?

Ein verborgener Schatz hat seit Urzeiten Menschen angezogen, oder ein Geheimnis. Wer sich interessant machen will, deute an, dass er etwas Wichtiges weiß, das andere nicht wissen. Oder, wie erging es uns als Kind zu Weihnachten vor der verschlossenen Tür vor der Bescherung? Kurz: Wenn etwas vermeintlich Wertvolles verdeckt ist, dann läßt es uns keine Ruhe, es zieht uns an. Das gilt ganz allgemein. Wer sich bedeckt hält, in dem, wer und was er ist, wirkt häufig anziehender, als der, der offenherzig alles von sich Preis gibt.

Ich meine, auch die Kleidung bietet die Chance, sich anziehend zu machen. Nicht nur weil alles, was bedeckt ist, neugierig macht. Sondern, weil durch das Anziehen eine Spannung entsteht, nämlich dann, wenn wir unsere Kleidung mit voller Aufmerksamkeit und mit Bedacht wählen und darauf achten, dass sie dem Ideal, das wir von uns selbst haben entspricht.

Wenn wir so vorgehen, dann baut sich eine Spannung auf, zwischen dieser idealen Vorstellung von uns selbst und dem, der wir in Wahrheit sind. Zwischen dem, was wir nach außen darstellen und unserem Innersten „Ich Bin“. Wer wir sind, das werden wir vielleicht ahnen, doch so genau wissen wir es meist selber nicht. Es liegt wie ein Kern in der Schale auch für uns selbst im Dunkeln verborgen.

Unsere Kleidung ist dann wie diese äußere Schale, die den Kern, unser „Ich Bin“ umschließt. Somit hütet unsere Kleidung ein Geheimnis, und was ist anziehender als ein Geheimnis, von dem der Betreffende selbst nicht weiß, dass er es trägt. Und welche praktische Konsequenz legen diese Erkenntnisse nahe? Gute Kleidung ist wichtig. Wer anziehend wirken will, der ziehe sich, entsprechend seinem Ideal mit Bedacht an.

Beitragsbild: Fotographiert von Roger Fritz

 

 

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